Oldenburg - Die Wege zum Drama sind von roten Luftballons gesäumt. Es ist Kramermarktsumzug; die Oldenburger brauchen ihr ganzes logistisches Geschick, um das Staatstheater überhaupt zu erreichen.
Wenn das geschafft ist, führen die Stufen hinab in den dunklen Spielraum des Großen Hauses. Hier warten die Akteure des Projektes: „O.- Eine Stadt sucht ein Drama“.
Das Staatstheater geht neue Wege bei der Auswahl seiner Stücke und will das Publikum beteiligen. Dazu stellt die Dramaturgie an diesem Nachmittag das erste zeitgenössische Schauspiel in Form einer szenischen Lesung vor. Vier Schauspielerinnen und Schauspieler sitzen an Campingtischen auf der Bühne und schenken sich zunächst einmal Wasser ein. Das Publikum schaut erwartungsvoll hin. Die Plätze im Spielraum sind gut besetzt.
Vier Stücke stehen zur Auswahl; eines davon kommt in den Spielplan 2019/20.
Vorgestellt werden die Stücke in Materialmappen, im Internet sowie in den Lesungen. Abgestimmt werden kann unter
Eine Publikumskonferenz am Samstag, 1. Dezember, bildet den Abschluss. Hier werden alle Stücke erneut vorgestellt und diskutiert; es wird final abgestimmt.
Weitere szenische Lesungen im Spielraum des Staatstheaters gibt es an weiteren drei Terminen, Beginn jeweils 15 Uhr; Dauer 90 Minuten; der Eintritt ist frei.
Sonntag, 14. Oktober: „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz
Sonntag, 28. Oktober: „Über meine Leiche“ von Stefan Hornbach
Samstag, 10. November: „Eine Frau. Mary Page Marlowe“ von Tracy Lettsber
Jonas Hennicke, Programmplaner, wie er sich nennt, erläutert das „ungewöhnliche Experiment aus Demokratie und Digitalisierung“, bei dem die Zuschauer nach den Lesungen und noch länger im Internet ihre Meinung abgeben und über ein Stück abstimmen können.
Am Samstag nun der Start mit „Träum weiter“ von Nesrin Samdereli. Die filmpreisgekrönte Drehbuchautorin („Almanya, Willkommen in Deutschland“) hat in flotter Sprache und mit sicherem Sinn für Komik eine interkulturelle Komödie geschrieben.
Vordergründig scheint es eine turbulente Familiengeschichte mit rollenspezifischen und gesellschaftlichen Klischees zu sein.
Im Kern aber geht es um die nicht unkomplizierte Beziehung zwischen Mutter und Tochter, eingebettet in Gender-Konflikte, nacheheliche Streitgefechte zwischen den geschiedenen Eltern und um Migrationshindernisse.
Die vier Schauspieler und Schauspielerinnen schlüpfen jeweils in zwei Rollen. Sie lesen ihre szenischen Texte aus dem Drehbuch vor; Jonas Hennicke gibt Regieanweisungen in ein nicht immer gut funktionierendes Mikrofon. Glockenschläge läuten jeweils die nächste Szene ein.
Das Stück ist temporeich geschrieben und geht weder sparsam mit konservativen Ansichten um, noch lässt es gesellschaftlich schwerwiegende Themen aus. Man stelle sich einen Dampfdrucktopf vor und fülle ihn mit den Zutaten: Jung und Alt, Esoterik, Transsexualität, Flüchtlinge und Willkommenskultur, Akupunktur, Tod, Griechisch-Türkischer Kulturkonflikt und Veganismus. Alle Bestandteile in kürzester Zeit zum Kochen bringen, umrühren und als muntere Geschichte auf die Teller verteilen. Die Mahlzeit ist reichhaltig und beim Verzehr amüsant zu genießen.
Zurück zum Drama. Am Ende erwacht die Tochter nach 40 Tagen aus dem Koma; die Geschichte hätte ein Happy End, wäre da nicht die hysterisch sorgende Mutter, die nun selbst komatös reagiert, um der Tochter nah zu sein.
„Ich fand es eine tolle Lesung“, „sehr gewöhnungsbedürftig die permanenten Geschlechtszuschreibungen“, „endlich solche Themen auf der Bühne“, „übertriebene, klischeehafte Dialoge“ – so lauteten die Rückmeldungen im Anschluss an die Lesung.
