OLDENBURG - Allein steht er auf der Bühne, ein sanftes Lächeln im gutmütigen Gesicht. Gleich wird sich der Australier als Showmaster vorstellen, während seine „Kollegen“ leblos und über Kopf an ihren Haken hängen, ein gutes Dutzend. Neville Tranter und seine Klappmaulpuppen. Es sind doch wohl Puppen, oder?

Die Frage ist erlaubt. Denn kaum hat Tranter den arbeitslosen Emil zum Leben erweckt, beginnen die Grenzen zwischen Schauspieler und Puppe zu verschwimmen. Im Nu ist die Bühne mit skurrilen Typen bevölkert, die bei aller Unbeweglichkeit ihrer kantigen Gesichter nicht weniger aus Fleisch und Blut zu sein scheinen als der Arm, der sie bewegt.

Mit Neville Tranter und „Stuffed Puppet“ hat das „Go West“-Festival einen Puppenspieler von Weltformat nach Oldenburg geholt, passenderweise ins Theater Laboratorium. 1955 in Australien geboren, lebt er seit mehr als 30 Jahren in den Niederlanden.

Als Schauplatz für sein knapp einstündiges Stück hat sich Tranter ein Krisengebiet ausgesucht: „Punch & Judy in Afghanistan“ heißt es. Was genau der naive Puppenspieler Nigel dort zu suchen hat, wird nicht ganz klar, denn er verbringt die Zeit damit, seinen Assistenten Emil zu suchen, dessen Kamel durchgegangen ist. Dabei trifft er die absonderlichsten Gestalten: etwa einen leicht erregbaren Araber, der seinem flüchtigen Kamel nachtrauert, einen verstörten Soldaten mit französischem Akzent und ein ägyptisches Krokodil, das Leichensäcke zu Spottpreisen verhökert.

Bitterböse und schwarzhumorig geht es weiter. Auf dem Gipfel des absurd-grotesken Stückes trifft der Puppenspieler auf Punch Bin Laden und dessen Frau Judy, bei denen zuvor auch Emil war und offenbar in der Pfanne landete. Der letzte Tango gebührt Tod und Teufel. Weißes Fähnchen hin oder her. Schöner, witziger und galliger kann man den Irrsinn des Krieges nicht kommentieren. Welche Figur war noch gleich eine Puppe?

Am Schluss flog der Mikrofonständer im hohen Bogen über die Bühne, ein verzweifelter Macbeth steht bewegungslos. Gerade hat er sich Macduff zum finalen Zweikampf gestellt. Die Scheinwerfer gehen aus, wohltuende Stille breitet sich nach der knapp zweistündigen intensiven Macbeth-Performance des Theaters Zuidpool in der Exerzierhalle aus.

Shakespeares „Macbeth“ als rumpelnd, knarziges Konzerterlebnis – so lässt sich vielleicht am besten diese Version umschreiben, die das Schauspielerkollektiv aus Antwerpen beim „Go West“-Festival performte.

Das Publikum wird noch vor Beginn gebeten, vor die Bühne zu treten, damit Konzertatmosphäre entstehe. Danach entern die sechs Performer die Bühne und agieren als Musiker, Sänger, Schauspieler.

Die Texte sind original Shakespeare., hoch emotional rezitiert von den Schauspielern und Sängern. Die Musik wechselt zwischen komplexen, enervierenden Klangcol-lagen, Blues- und Country-Elementen. Als Macbeth am Bankett zu seiner Krönungsfeier den Geist des ermorde-ten Banquos sieht, wird gar Bollertechno geboten. Streckenweise klingt das Ganze wie ein Konzert von Nick Cave and The Bad Seeds – nur eben ohne Nick Cave.

Jorgen Cassier gibt einen zerrissenen, getriebenen Macbeth, der sich auch einen Bass umhängen und wirr über die Seiten schrubben darf, um seiner Seelenpein Ausdruck zu verleihen. Die vermeintlich kühle Lady Macbeth gibt Sofie Decleir. Die Klangteppiche und Musikstücke, die Mauro Pawlowski verantwortet, verdeutlichen die Bedrängnisse, Schrecken und Qualen der Protagonisten. So entsteht ein hochpsychologisches Theatererlebnis – mitunter anstrengend, aber herrlich intensiv.