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NWZonline.de Nachrichten Kultur

An der Kälte des Westens verzweifeln

10.09.2018

Oldenburg Wem dieser Film nicht ans Herz geht, der hat kein Herz. Dieses Drama vergisst man nicht. Dieser Streifen hat eine Wucht, die wir nicht mehr gewohnt sind. Er zeigt uns mit Dmitri Nagiev einen Schauspieler, der aus jeder Pore Emotion lebt und dessen stechender Blick einen so auf den Kinostuhl bannt, dass man umgehend Schuldgefühle entwickelt und glatt nach der nächsten Fluchttür gucken möchte.

Beifall aus Russland

Nagiev spielt den russischen (genauer: ossetischen) Bauingenieur Kaloev. Dessen wahre Geschichte ist bekannt, aber so noch nie erzählt worden: Am 1. Juli 2002 kollidieren bei Überlingen am Bodensee zwei Flugzeuge, eine Frachtmaschine und ein russisches Passagierflugzeug. Bei dem Unglück kommen 71 Menschen, darunter 49 Kinder ums Leben – auch Kaloevs Ehefrau und seine beiden zuckersüßen Kinder.

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Die Schuld an dem Unglück wird zwischen den Verantwortlichen mit dürren Worten und kalten Gesten vermauschelt, wahre Entschuldigungen folgen nicht. Kaloev baut derweil zu Hause im verlassenen Heim auf den Kinderbetten altarähnliche Szenerien mit Fotos und Stofftieren auf. Nur das stupende Ticken einer Wanduhr durchbricht die Stille.

karten für Eröffnung am 12. September

Der russische Film „Unforgiven“ (deutsch etwa: unvergeben, nicht zu verzeihen) wird in Oldenburg mit deutschen Untertiteln präsentiert. Er eröffnet am 12. September um 19 Uhr das bis zum 16. September laufende 25. Filmfest Oldenburg; Regisseur Sarik Andreasyan wird erwartet. Die Eröffnung findet in der Kongresshalle der Weser-Ems-Hallen statt.

Der Stoff des Flugzeugunglücks in Überlingen war zweimal Vorlage für eine deutsche Verfilmung: Im Kinofilm „10 Sekunden“ von Nicolai Rohde und im TV-Film „Flug in die Nacht“, in dem Ken Duken die Rolle des Fluglotsen spielte.

Karten (12 Euro) für die Eröffnungsgala des 25. Filmfestes gibt es in der Oldenburger Bau-Werk-Halle (Pferdemarkt 8) oder unter:

Karten (12 Euro) für die Eröffnungsgala des 25. Filmfestes gibt es in der Oldenburger Bau-Werk-Halle (ferdemarkt 8) oder unter:www.filmfest-oldenburg.de

Wieder und wieder erlebt er in Rückblenden seine Familie, und er versteht die Welt immer weniger. Er lässt ein voluminöses marmornes Grabmal für seine Familie bauen. Jeden Tag bringt er, gebeugt von irrer Trauer, frische Blumen, jeden Tag guckt er wütender in die Kamera. Er verstummt fast vor Schmerz, keiner kann ihn trösten. Und mit einem mächtigen Bart wächst von Tag zu Tag in „Unforgiven“ der Zorn des Verzweifelten.

Kaloev fliegt nach Zürich, stapft wie ein russischer Bruce Willis zum zuständigen Fluglotsen Peter Nielsen und ersticht ihn in einem plötzlichen Gewaltakt mit einem Schweizer Taschenmesser. Kaloev wandert ins Gefängnis, bekommt mildernde Umstände und kehrt nach wenigen Jahren zurück – Blitzlichtgewitter und Beifall auf dem russischen Flughafen.

Nagiev ist ein unbeholfen wirkender, fast tapsiger Schauspieler. Seine Arme scheint er nur der Vollständigkeit halber zu haben, er bewegt sie kaum. Die ruhige Kamera fängt ihn leinwandfüllend wie einen russischen Bären ein. In langen Sequenzen spürt der Film seinem Schmerz am Grab oder im verlassenen Haus nach.

Regisseur Andreasyan setzt auf großes Schauspielerkino. Nagiev ist in Russland bereits ein Star – aber eher ein Showstar. Ernste Rollen waren bislang eher Mangelware. Die Regie unterlegt die Handlung mit pathetischen Klängen und mächtig anschwellenden Geigen. Die Kamera scheut sich nicht, das Gesicht Kaloevs wie im Standbild zu zeigen. Oder sie zoomt langsam ein Bild auf – das der verstreuten Trümmer bei Überlingen. Dort treffen wir auf den hilflos torkelnden Kaloev, wie er inmitten des Chaos seine Toten findet – eine grausame Szene wie aus einer antiken Tragödie. Dem gegenüber steht der Anfang, der später immer wieder in Erinnerungsfetzen aufscheint und aufwühlt: das heile Familienleben mit den putzmunteren Kindern. „Familie ist alles“, sagt Kaloev einmal. Wird so Selbstjustiz verherrlicht? Ein Mord gerechtfertigt?

Lektion in Schwermut

Nein, aber um Ausgewogenheit bemüht sich „Unforgiven“ in keiner Minute. Ein gefühlvoller Film aus Putin-Land gegen den kalten Westen? Ach, nennen wir es einfach großes Kino und freuen uns an dem Besonderen dieses Films: die für uns ungewohnte, wuchtige Emotionalität. Das wirkt über 100 Minuten als großes Erzählkino. Zudem ist es eine Lektion in Sachen Schwermut. So manche Träne wird vom Zuschauer weggedrückt werden, wenn der vor Trauer und Schmerz geschüttelte, vollkommen gebrochene Mann zart den Grabstein mit den Fotos seiner Liebsten streichelt.

Mehr Gefühl geht nicht.

Dr. Reinhard Tschapke
Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2060

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