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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Das vergessene Genie hinter „Emmanuelle V“

14.09.2018

Oldenburg Wer, zum Henker, ist dieses vermeintliche Genie des Kinos, das 1987 an dem Schundporno „Emmanuelle V“ zerbrach und nach seinem Tod im Jahr 2006 weithin in Vergessenheit geriet? Immerhin, so zeigt der Dokumentarfilm „Love Express“, hat der aus Polen stammende Filmemacher Walerian Borowczyk prominente Fans: Monty-Python-Regisseur Terry Gilliam etwa preist ihn – neben Disney – als wesentlichen Einfluss. Der irische Regisseur Neil Jordan („The Crying Game“, „Interview mit einem Vampir“) stammelt staunend seine Bewunderung heraus. Und Polens großer Autorenfilmer Andrzej Wajda erinnert sich, dass „Boro“ in frühen Jahren an der Kunstschule als einziges wirkliches Talent weit und breit galt.

Es ist eine Geschichte von Freiheit, Liebe und Filmindustrie, die „Love Express“-Regisseur Kuba Mikurda aus Kommentaren von Bewunderern und Wegbegleitern, Filmszenen und Äußerungen Borowczyks selbst montiert.

Lesen Sie: From Arthouse to Softcore – a Tragedy“, review by Karsten Kastellan

In Polen ausgebildet, floh „Boro“ Ende der 1950er aus der sozialistischen Umklammerung nach Frankreich, wo sein künstlerischer Freiheitsdrang spätestens im Zuge der 1968-Bewegung auf fruchtbaren Boden fiel. Expressive, höchst eigenwillige Animationsfilme entstanden etwas außerhalb von Paris: ein Haarschopf, der sich über einen Tisch hermacht, blau blutende Engelsflügel. „Ich wünschte, das wäre mir eingefallen“, brummelt dazu Neil Jordan. Sein erster größerer Film „Goto – Insel der Liebe“ wurde 1968 dann als visionäres Meisterwerk gefeiert.

Freiheit, das bedeutete Ende der 1960er Jahre auch die sexuelle Befreiung – und dies wiederum eine explizite künstlerische Spielwiese für Walerian Borowczyk. „Ich zeige nur, wovon die Zuschauer träumen“, antwortet der Künstler selbst einem Gesprächspartner, als dieser ihn einen Perversen nennt. Aufwendigstes Beispiel dieser Filme ist vielleicht „Die Bestie“. An dieser wilden Variation des Themas von „Die Schöne und das Biest“ scheiden sich allerdings auch die Geister der Kommentatoren.

Während sein Kameramann und Wegbegleiter Noel Véry („Ich lag mit 50 jungen Frauen im Bett, und alle waren nackt! Haben Sie das schon einmal erlebt?“) sich auch heute vor Begeisterung kaum einkriegt, stört sich die Psychotherapeutin Cherry Potter an dem explizit männlichen Blick – sie nennt die in der „Bestie“ dargestellte Sexualität daher „naiv“. Doch auch einige männliche Kommentatoren runzeln die Stirn, selbst Terry Gilliam: „Was hat er da gemacht?“

Vielleicht – das deutet „Love Express“ nur an – war es eben auch dieses eigene Limit, das den Niedergang Walerian Borowczyks einleitete. Und wie der Aufbruch der 68er ein guter Nährboden für die freien Filme des Künstlers waren, so war es fatalerweise auch die wachsende Pornoindustrie der 1970er Jahre für seine Erotikfilme. Die Produzenten Robert und Raymond Hakim verkauften unter seiner Regie den „Emmanuelle“-Star Sylvia Kristel in „La Marge“ (1976) – Borowczyk selbst verlor zusehends die Kontrolle über sein eigenes Werk. Tiefpunkt war schließlich „Emmanuelle V“ im Jahr 1987, ein lächerliches Softporno-Machwerk, das auf der Indiana-Jones-Welle reiten sollte. „Hätte ich den sehen sollen?“, fragt Neil Jordan – natürlich rhetorisch.

Wegbegleiter mutmaßen, Walerian Borowczyks habe sich mit diesem Engagement die Freiheit erkauft, vom Filmgeschäft Abschied zu nehmen. Seine Spur verlor sich trotz weiterer kleinerer künstlerischer Arbeiten, bis er 2006 starb.

„Love express“ im Kino

Samstag, 14. September, 19 Uhr: Cine k/Studio, Bahnhofstr. 11

„Love Express. The Disappearance of Walerian Borowczyk“ ist also auch die Geschichte eines künstlerischen Erlöschens. Regisseur Kuba Mikurda montiert sein Porträt klar und ohne gestalterischen Schnickschnack – lediglich ein leitmotivisch eingesetzter, dräuender Sound spiegelt die schwer greifbare Qualität dieses so wirkmächtigen Künstlers.

Ein Rätsel bleibt dieser Walerian Borowczyks dennoch – aber nun wissen wir, in welchen Filmen wir es suchen müssen.

Timo Ebbers
Ltg.
Online-Redaktion
Tel:
0441 9988 2151

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