OLDENBURG - Die Leere eines verlassenen Bettes gähnt dem Betrachter entgegen. Umsäumt von verbretterten Wänden – von Gittern? Von Stämmen? – öffnet das Weiß des Leinens weit seine Arme. Mag sein, dass der Sog, den dieses Foto ausübt, sich manchem nicht erschließt; Jäger des Sensationellen werden in ihm Kitzel nicht finden. Wohl aber eignet es sich, die Fantasie einer behutsam suchenden Empfindsamkeit zu befeuern, einer Fantasie, die etwa das Rätsel, das die Faltenwürfe im knittrigen Stoff verbergen, zu schätzen weiß. Einer Empfindsamkeit, die die Melancholie des Grundtones vernimmt, die dieses wie die anderen Fotos durchströmt.
Der in diesem Jahr der Sparte Fotografie zugedachte, mit 8000 Euro dotierte Kunstförderpreis der Kulturstiftung der Öffentlichen Versicherungen Oldenburg geht an den gebürtigen Delmenhorster Knut Sennekamp (28). Ausgezeichnet wird Sennekamp, der in Berlin lebt und an der Hochschule für Buchkunst und Grafik Leipzig vor seinem Diplom steht, für „Aisles and Windows“, eine Serie von Schwarz-Weiß-Fotografien, entstanden bei Reisen in und durch die USA.
Keine Manipulationen
Es sind, so die Laudatio, Arbeiten wie „aus der Mode gekommen“: Ansichten von Innen- und von Außenräumen, Interieurs, Stadt und Landschaft, durch keinen Computer und zumeist nicht einmal durch inszenatorische Eingriffe manipuliert.
Abgebildet mit dem Medium klassischer Bromsilbergelatine-Prints begegnet uns Realität dennoch beileibe nicht authentisch. Abstrahierende Distanz entsteht schon durch das immergleiche Mattschimmern der Oberfläche und durch die Transformation der Farbigkeit in hartes Schwarz-Weiß. Und, dies vor allem, durch die konzeptionelle Idee des Künstlers, der „seine“ Realitäten in einen stimmigen Zusammenhang einzubetten weiß, und durch seinen kompositorischen Blick, den er nur ganz bestimmten Ausschnitten der Wirklichkeit widmet, weil er eben deren magisches Potenzial erkannt hat.
Konzept und Blick Sennekamps speisen sich auch aus dem Quell der Romantik. Die Metaphorik des Wanderns – zwischen den Welten, zwischen Banalität, Bedeutung und Überhöhung, doch ohne Ziel – prägt sein Programm eines „losen“ Konvoluts von Bildern, die weder Reisefotografien sind noch sein sollen. Und die Sehnsucht nach Einsamkeit prägt seinen Blick.
Absichtsvolle Leere
Fast versetzt der Gang durch die Ausstellung den Betrachter in ein Traumland absichtsvoller Leere. In dieses menschenverlassene Traumland hat Sennekamp Zauberfallen aus dem Instrumentarium der Romantik gestellt: Die selbst-reflexive Spiegelung ist so eine Falle, das Dejà-vu eine andere. Schon mal gesehen? Gewiss. Aber wo?
Wie hoch die Wertschätzung für Sennekamps faszinierende Fotografien ist, lässt sich daran ermessen, dass der wohl wichtigste Fotokurator Deutschlands, Thomas Weski, stellvertretender Direktor am Münchener Haus der Kunst, die Laudatio hielt. Er hob die Bedeutung des Förderpreises für die zeitgenössische Kunst in Deutschland und für die ausgezeichneten Künstler hervor.
Wie recht er hat, davon kann man sich anhand von 14 der preisgekrönten Prints im Stadtmuseum noch bis zum 10. Mai überzeugen.
