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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Philosoph erklärt das richtige Leben

02.08.2019

Oldenburg /Frankfurt /Main Am 6. August vor einem halben Jahrhundert ist der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno völlig überraschend während seines Urlaubs in den Schweizer Bergen verstorben. Dieses Ereignis hatte damals einen hohen Nachrichtenwert.

Die internationale Presse überbot sich mit Würdigungen. Rundfunk und Fernsehen brachten zahlreiche Dokumentationen über das Leben und Wirken des 1903 geborenen eminenten Denkers, der sich während seines kurzen Lebens aller Übel der Welt mit den Mitteln kritischer Reflexion zu stellen versucht hat.

Nach Auschwitz

Zwar eilt ihm der Ruf voraus, generell ein komplizierter, eben ein dialektischer Denker zu sein. Jedoch nach den 15 Jahren des Exils in England und den USA, wohin er nach 1933 geflohen war, hatte sich Adorno im Nachkriegsdeutschland auch mit ganz praktischen Fragen befasst. Dazu gehört etwa die Neugestaltung der Politischen Bildung oder die Reform der Lehrerausbildung, durchweg programmatische Überlegungen, die noch im Jahr 1974 bei der Gründung der Universität in Oldenburg eine Rolle gespielt haben.

Mit dem Ziel einer „Erziehung zur Mündigkeit“ galt einer seiner kritischen Impulse dem heute wieder brisanten Komplex Bildungskrise und Bildungsverfall. Noch zentraler – und damals anstößiger – war seine Forderung nach einer Erziehung, die dem Rechnung trägt, was mit dem Menschheitsverbrechen Auschwitz monströses Faktum der Geschichte geworden ist.

Über „Was heißt: Aufarbeitung der Vergangenheit“ oder über Ursachen des Antisemitismus, über die Gefährdung der Demokratie durch einen wiedererwachten Rechtsradikalismus konnte man den publizistisch höchst engagierten Zeitkritiker, dessen artikulierte Sprache und prägnante Stimme einen hohen Wiedererkennungswert hatte, fast wöchentlich in den Abendprogrammen des Rundfunks hören – eines der Medien, die er für seine Mission soziologischer Aufklärung breit nutzte.

Für ihn, der mit dem Satz provoziert hat, ein Gedicht nach Auschwitz sei barbarisch, war die Vergangenheit erst dann aufgearbeitet, wenn die in der Gesellschaft angelegten Ursachen des Vergangenen beseitigt seien: Das ist die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber undurchsichtigen übermächtigen Tendenzen des gesellschaftlichen Ganzen.

In der Rolle des öffentlichen Intellektuellen riskierte es Adorno, ähnlich wie Hannah Arendt und der aus Oldenburg stammende Karl Jaspers, den Elfenbeinturm der reinen Wissenschaft zu verlassen, um die tabuisierten Themen im Land der Täter aufzugreifen. Diese Einflussnahme auf die Mentalitätsgeschichte der Nachkriegsjahre ist aber nicht der hauptsächliche Grund für seine Aktualität 50 Jahre nach seinem Tod. Dass Adornos gesellschaftstheoretische Denkweise nicht verstaubt ist, stellen nicht nur die vielen Wiederauflagen seines populärsten Buches mit dem Titel „Minima Moralia“ unter Beweis, sondern auch die jährlichen Tagungen und Konferenzen, in deren Mittelpunkt das von Adorno reflektierte Spannungsverhältnis von Negativismus und einer Ethik des richtigen Lebens steht.

Und genau im Monat des Todestages von Adorno erscheint nun eine zwar nicht unbekannte, aber bislang unveröffentlichte Schrift über „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“, ein ursprünglich 1967 in Wien gehaltener Vortrag, jetzt mit einem instruktiven Nachwort des Historikers Volker Weiß. In diesem Vortrag analysiert Adorno den Rechtsradikalismus, bezeichnet ihn als „Gespenst eines Gespenst“, durchaus übertragbar auf den Rechtspopulismus unserer Tage, für den Adornos Diagnose eines Zusammenspiels von Wahnsystem und technologischer Perfektion ganz zutreffend ist.

Trump kommentieren

Ebenso bemerkenswert ist die gegenwärtige Debatte, die in den Vereinigten Staaten von dem Harvard Historiker Peter E. Gordon ausgelöst wurde. Er hat die Frage aufgeworfen, inwieweit Adornos Forschungen über die autoritäre Persönlichkeit ein brisantes Deutungspotenzial enthalten, das den Erfolg von Donald Trump zu erklären beiträgt. Seinen Wählern wird eine Neigung zum Autoritarismus attestiert, der einhergeht mit stereotypem Denken, der Diffamierung von Fremden und Minderheiten – alles paranoide Züge, die Adorno in seiner Studie aus den späten 40er Jahren als autoritäres Reaktionsmuster festgestellt hat.

Der amerikanische Historiker macht sich für Adornos Deutung stark, dass sich der autoritäre Charakter nicht in erster Linie psychologisch erklären lässt. Vielmehr sei das Syndrom das Produkt einer Verinnerlichung von Erfahrungen der Instrumentalisierung und Fremdsteuerung des Menschen in der modernen Gesellschaft, Erfahrungen, die zur Schwächung des Individuums beitragen.

Der Trumpismus ist Gordon zufolge Ergebnis pathologischer Entwicklungen in Gesellschaft und Politik. Dazu zählt er auch ausdrücklich den Rückgang des seriösen Journalismus, der von demagogischer Meinungsmache und Entertainment verdrängt werde. Natürlich vermochte Adorno die gegenwärtigen Verfallserscheinungen im Bereich von Öffentlichkeit und Kommunikation, besonders in den sozialen Medien, nicht vorauszusehen.

Aber seine Forschungen zum sogenannten klischeehaften „Ticket-Denken“ und seine Analysen zur Allgegenwart der „Kulturindustrie“ tragen dazu bei, uns für das „Unwahre“ zu sensibilisieren.

Diese Sensibilisierung ist Adorno zufolge eine Voraussetzung dafür, ein Bewusstsein für das zu entwickeln, was ihm als das richtige Leben vorschwebte.

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