Oldenburg - Der Titel eines Aufsatzes, den Bernd Alois Zimmermann im Jahr 1957 veröffentlichte, deutet zwei wesentliche Dimensionen der Musik an: die Beziehung der Töne zueinander und deren Er-streckung, Intervall und Zeit. Als reflektierender Musiker fragte er sich, welcher Zusammenhang zwischen ihnen besteht. Gibt es eine ein Werk bestimmende Grundstruktur?
Zimmermann fand sie zunächst in der Zwölftonmusik, mit der Arnold Schönberg nach Auflösung der Tonalität um 1900 versucht hatte, der Musik eine neue Ordnungsstruktur zu geben. Dann kamen weitere Einflüsse ins Spiel. Als junger Musiker, der sich seinen Lebensunterhalt in Tanzkapellen verdienen musste, lernte er den Jazz kennen. So schrieb er sein Trompetenkonzert „Nobody knows the trouble I see“ 1954 „unter dem Eindruck des (leider auch heute immer noch bestehenden) Rassenwahns“.
Wichtiger wurde die Beschäftigung mit Theorien des Zeitbewusstseins. Bei Augustinus stieß er auf den Gedanken einer Einheit der Zeit, verstanden als Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Als er mit einem Stipendium mehrere Monate in der Villa Massimo in Rom verbringen konnte, verstärkte sich dieser Gedanke. Denn er lebte hier „innerhalb von Zeugen der verschiedensten Zeitalter […], innerhalb verschiedener Stile, innerhalb der größten sozialen Gegensätze, an den Stätten von Heidentum und Christentum zugleich“.
Musikalisch schlug sich dieser Gedanke seit 1958 in einer „pluralistischen“ Kompositionsweise nieder. Voneinander unabhängige Tempi und Rhythmen, verschiedene musikalische Stile und Formen, Zitate aus allen Musikepochen wurden nun teils collagen-artig miteinander verbunden. Schon einzelne Titelzusätze sprechen für sich; so hat das zweite Cellokonzert die Form eines „Pas de trois“, die Ode „Die Befristeten“ nach Elias Canetti die „Form eines Totentanzes für Jazz-Quintett“.
Zimmermanns bekannteste Werke sind die Antikriegsoper „Die Soldaten“ nach Jakob Michael Reinhold Lenz, das Orchesterstück „Photoptosis“, „Musique pour les soupers du roi Ubu“ nach Alfred Jarry als „Ballet noir“ und das „Requiem für einen jungen Dichter“ von 1967.
Sein Pluralismus entsprach der um 1960 in der Kunst, Architektur und Literatur einsetzenden Richtung der Postmoderne; und man könnte sagen, dass er die Postmoderne in die Musik einführte.
Bernd Alois Zimmermann starb am 10. August 1970.
