OLDENBURG - Das Ergebnis der peniblen Recherche: Das Orchester ist recht glimpflich durch die schwere Zeit gekommen.

Von Karsten Krogmann

OLDENBURG - Wichtige Beweise können mitunter ziemlich albern aussehen. Diesen hier zum Beispiel zieren ulkige Zeichnungen und freche Kalauer, und oben drauf steht auch noch „Kohl-Zeitung“. „Das ist toll“, findet Professor Dr. Gunilla Budde trotzdem und hebt das vergilbte Blatt in die Luft, als präsentierte sie den Schatz der Azteken.

So etwas ähnliches ist sie ja auch, die Kohl-Zeitung aus den 30er-Jahren. Gunilla Budde und ihre Doktorandin Mareike Witkowski wollten nämlich herausfinden, wie es den Musikern des Oldenburgischen Staatsorchester in der Zeit des Nationalsozialismus ergangen ist – und weil es im Staatstheater dazu keine Akten mehr gibt, müssen sie eben auf Zeitdokumente wie die Kohl-Zeitung zurückgreifen.

Und jetzt sitzen Budde und Witkowski in ihrem Büro an der Ammerländer Heerstraße über (Kohl-)Zeitungen, alten Fotos und Gesprächsnotizen und ziehen eine erste Bilanz: „Das Oldenburger Orchester“, sagt die Professorin, „ist vergleichsweise glimpflich davongekommen.“

Auffällig fanden die beiden Forscher, dass es bereits 1933 keine jüdischen Musiker im Orchester gab. „Das ist natürlich erst einmal verdächtig“, findet Budde, „besonders in einer Stadt, die sehr früh nationalsozialistisch geworden ist.“ Sie habe aber keine Hinweise dafür finden können, dass jüdische Musiker aus dem Orchester entfernt worden seien.

„Es gab allerdings einen traurigen Fall“, hat Mareike Witkowski in Gesprächen mit Kindern von Orchester-Mitgliedern erfahren, „und zwar den des Trompeters Fridolin Heun.“ Heun war mit einer Jüdin verheiratet und frisch gebackener Vater, als ihn ein Brief der Reichsmusikkammer erreichte. Darin forderte ihn die Kammer auf, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, andernfalls würde er seinen Job verlieren. Heun blieb bei seiner Frau, die 1944 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde – und büßte sein Einkommen ein. Seine Kollegen vom Orchester buchten Heun allerdings wiederholt als Aushilfsmusiker, damit die Familie finanziell über die Runden kam.

„Das war aber kein Widerstand gegen das Regime“, betont Gunilla Budde, „keiner hatte sich auf die Hinterbeine gestellt, um Heun zu retten.“ Sie sieht im Orchester einen Spiegel der damaligen Gesellschaft: Es gab eine eigene Fußballmannschaft, es gab gemeinsame Kohlfahrten, es gab regimekritische Musiker, es gab überzeugte Nazis. Letzteres weiß sie aus der Kohl-Zeitung: Da wird ein Trompeter, der bereits 1927 der Partei beigetreten war, gehörig auf den Arm genommen. „Und eines Tages begann dann das Kartenspielen im Orchester“, hat Gunilla Budde herausgefunden: „Ein Musiker denunzierte einen Kollegen, und von da an wurde im Orchestergraben nicht mehr über Politik gesprochen.“

Die beiden Historikerinnen haben noch mehr erfahren: Frau Heun überlebte Theresienstadt. Die Familie blieb in Oldenburg, Fridolin Heun spielte weiter Trompete im Staatsorchester. „Er war ein fröhlicher Mensch“, sagt Gunilla Budde, „der nicht viel über die Vergangenheit sprach.“

Pünktlich zum 175. Geburtstag des Orchesters im November 2007 wollen Budde und Witkowski die Ergebnisse ihrer Nachforschungen als Buch veröffentlichen. Auch eine kleine Ausstellung im Theater ist geplant – und zu sehen gibt es dort selbstverständlich auch die „Kohl-Zeitung“.