OLDENBURG - Das Bühnenbild erinnert an eine Sitzung beim Psychoanalytiker: Übergroß ruhen Kopf und Rumpf des norwegischen Schriftstellers Knut Hamsun (18591952) auf der Bühne des Kleinen Hauses. Es sieht aus, als läge der Literatur-Nobelpreisträger auf der Couch. Das Pappmaché-Ungetüm wirkt müde, fast schon moribund. Im Verlauf des Stücks The Writer wird es nach und nach aus einem Papier-Stapel freigelegt je weiter die Schauspielerin Ulrike Quade mit ihrem Puppentheater in das Leben und die Psyche Hamsuns eintaucht.
Mit einem famosen Mix aus Theater und Puppenspiel, einer internationalen Kooperation zwischen der Jo Strømgren Kompani, dem Figurteatret i Nortland und der Ulrike Quade Company, endet das Go-West-Festival am Sonntagabend im Oldenburgischen Staatstheater. Das eindringliche Stück, das sich mit dem norwegischen Schriftsteller und seiner Glorifizierung im Nationalsozialismus auseinandersetzt, wurde erstmals in deutscher Sprache aufgeführt.
Doch wie nähert man sich dem fragwürdigen Genie? Wie legt man seine wahnwitzigen Ansichten bloß, wie enttarnt man seine Persönlichkeit, ohne dabei zu sehr mit dem erhobenen Zeigefinger zu drohen? Ulrike Quade schlüpft dazu in die Rolle einer jungen Wissenschaftlerin, die sich ausführlich mit Hamsun beschäftigt.
Und der tritt plötzlich als schwächliche, gebrechliche Puppe mit ihr in einen Dialog. Zusätzlich konfrontiert die Wissenschaftlerin den Autor mit dem Protagonisten seines wohl bekanntesten Romans Hunger einem aufbrausenden, wilden, lebenshungrigen Schriftsteller, dem Alter Ego des jungen Hamsun.
Mit den beiden Puppen arbeitet sich Ulrike Quade tief in die vielschichtige Persönlichkeit des Schriftstellers vor. Beeindruckend, wie sie dabei mit ihren Puppen interagiert, wie sie diese mit absoluter Präzision und Körperbeherrschung zum Leben erweckt. Da fordert sie etwa der wilde Autor zum romantisch-amourösen Tanz auf, da katzbuckelt das gealterte Schriftstellergenie, als sie ihn mit seinem kompromittierenden Hitler-Nachruf konfrontiert.
Poesie und Radikalität wechseln sich in The Writer permanent ab, erzeugen so ein eindringliches Stück Theater, das einen tiefen Blick in Knut Hamsuns Psyche ermöglicht.
