OLDENBURG - Joost streckt seine kurzen Finger nach den Kerzen der Weihnachtspyramide auf dem Wohnzimmertisch aus. An seinem Mundwinkel hat sich ein kleiner Sabbertropfen gebildet. Dass heute ein ganz besonderer Tag für ihn ist, versteht er noch nicht. An diesem Heiligabend feiert er seinen ersten Geburtstag.
Schwester Femke (6) blickt zwischen ihm und ihrer Mutter Bärbel Schlösser (35) mit gerunzelter Stirn hin und her. Noch scheint sie sich nicht sicher zu sein, ob der Geburtstag ihres Bruders am 24. Dezember eine gute Sache ist. Und sie hat allen Grund zur Skepsis, schließlich verlief ihr Weihnachtsfest im vergangenen Jahr sehr ungewöhnlich.
„Joost kam mitten in der Nacht, um 2.36 Uhr“, erinnert sich Bärbel Schlösser in ihrem Einfamilienhaus in Südmoslesfehn. „Das war einen Monat zu früh, eigentlich war der Termin im Januar.“ Die 35-Jährige war am Vormittag des 23. Dezember zu einer Routineuntersuchung ins Pius-Hospital gegangen. „Da haben sie mir gesagt, ich könnte gleich dableiben“, sagt sie und lacht.
Joost’ Geburtstag will die Mutter an Heiligabend nicht groß feiern. „Wir schieben das in den Sommer, da ist das Wetter besser“, erzählt sie. Trotzdem bekommt er zweimal Geschenke: einen Hochstuhl zum Geburtstag und eine Kullerbahn zu Weihnachten.
Allein mit dem Vater
Femke saß 2010 schließlich mit Vater Jörg (42) allein unter dem kleinen Weihnachtsbaum, der noch schnell besorgt wurde. „Die beiden haben zusammen Raclette gemacht, das war bestimmt ein bisschen einsam“, sagt Mutter Bärbel und blickt entschuldigend auf ihre Tochter, die mit zusammengepressten Lippen den Kopf schüttelt. „Ich will auch an Weihnachten Geburtstag haben“, sagt sie dann.
In diesem Jahr feiert die Familie ein klassisches Weihnachtsfest, mit Würstchen und Kartoffelsalat, großem Weihnachtsbaum und vielen Geschenken.
Geburtstagskind Joost krabbelt unterdessen unschuldig in seinem Laufstall herum. „Unsere Freunde und Verwandte haben nach dem Anruf gesagt, da hätten wir uns ja einen tollen Tag ausgesucht“, sagt die Mutter. „Aber Joost war das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich je hatte“, sagt Bärbel Schlösser.
Regina Ruhe hat sich beeilt: Rechtzeitig zum traditionellen Tannenbaum-Schmücken ist sie am Freitag in ihre Oldenburger Heimat gefahren. Sie feiert an diesem 24. Dezember ihren 25. Geburtstag. Die Medizinstudentin verbringt zurzeit acht Wochen ihres praktischen Jahres in einem Münsteraner Krankenhaus.
„Dieser Tag ist mir insgesamt sehr wichtig“, sagt sie. Um halb elf Uhr morgens trifft sie sich traditionsgemäß mit ihren Verwandten. „Dass die Leute dann nur meinetwegen kommen, bedeutet mir schon etwas“, findet die Studentin. Zwischen Geburtstag und Bescherung gibt es eine kleine Pause. „Als ich klein war, konnte ich dann schon mal mit meinen Geschenken spielen, vor der Bescherung so gegen halb sieben“, erzählt sie.
Die Stimme der brünetten 25-Jährigen wird lebhaft, wenn sie von der Zeit mit ihrer Familie erzählt. In diesem Jahr soll alles ganz gemütlich ablaufen. „Wir machen uns einfach keinen Stress dieses Mal und feiern meinen Geburtstag nur mit meinen Eltern und meinem Bruder Conrad“, sagt sie. Am Nachmittag sollen dann die Großeltern abgeholt werden.
Für Conrad (19) war es immer ganz normal, dass die große Schwester an Heiligabend zuerst Geschenke bekam. „Meine Eltern haben immer darauf geachtet, dass es gerecht zugegangen ist“, sagt Regina Ruhe.
Wehen beim Festessen
Die Geschichte über den Heiligabend vor 25 Jahren, als ihre Mutter Bettina (52) ins Krankenhaus musste, hat die junge Frau schon oft gehört: „Der Termin war am 19., ich war also schon überfällig. Meine Mutter hatte den ganzen Tag lang das Gefühl, da braue sich was zusammen.“ Aber Vater Uwe wollte noch nicht ins Krankenhaus. „Meine Oma hat immer Gänsebraten gemacht, den wollte er auf jeden Fall noch essen“, erzählt die 25-Jährige und lacht.
In den Wehen brachte Mutter Bettina also ein paar Bissen Gans herunter, bis sich das Ehepaar schließlich gegen halb zehn auf den Weg ins Krankenhaus machte. „Als sie im Auto waren, fing es an zu schneien, daran erinnert sich meine Mutter noch“, sagt Regina. „Um 23.45 Uhr bin ich dann auf die Welt gekommen. Gerade noch ein Christkind“.
„Ich war das erste Christkind“, sagt Sigrun Probst. Um 12.05 Uhr kam sie am 24. Dezember 1961 in Baden-Baden auf die Welt. Ihre Oldenburger Wohnung ist festlich dekoriert: Ein großer Weihnachtskranz steht auf dem Tisch, in den Ecken leuchten kleine Lichter.
Dass sie an Heiligabend ihren 50. Geburtstag feiert, findet die Krankenschwester und Psychologin in der Drogenberatungsstelle Delmenhorst nicht optimal. „Ich lade meine Freunde und Verwandte dann oft zum Frühstück ein, aber lange Zeit hat dann natürlich niemand“, sagt sie. Als Kind habe sie es immer schade gefunden, dass der Geburtstag kaum gefeiert wurde. „Es gab morgens zwar Geschenke, aber es wurde nie ausgiebig gefeiert, das ging irgendwie unter“, erzählt sie. Sie beneidete ihre Cousine, die an ihrem Geburtstag Topfschlagen spielen konnte.
Erst mit dem Abitur fing Sigrun Probst an, richtig zu feiern. „Ich weiß auch nicht warum, vorher bin ich darauf gar nicht gekommen“, erzählt die 50-Jährige. Wegen der Liebe kam sie vor 21 Jahren nach Oldenburg.
Besondere Überraschung
„Meine beiden Kinder haben gesagt, ich muss mich in diesem Jahr auf eine Überraschung gefasst machen, da bin ich schon ganz gespannt“, sagt sie. In diesem Jahr hat sie sich aber auch schon selbst einen speziellen Wunsch erfüllt: Eine Kaffeemaschine für Getränke auf Knopfdruck.
An diesem Heiligabend wird die Familie von Sigrun Probst beim Raclette zusammensitzen, und gemeinsam musizieren. „Diese Traditionen sind sehr wichtig, aber es ist auch wichtig, dass der Geburtstag für Kinder nicht unter den Tisch fällt. Ich bin froh, dass meine beiden Kinder im Sommer Geburtstag haben“, sagt sie.
Auch für die Zwillinge Theresa und Elias Bauer aus Altenoythe stehen an Heiligabend zwei Feste auf dem Programm. Sie werden heute acht Jahre alt. Mutter Birgit musste zweieinhalb Monate im Krankenhaus liegen, dann wurden die beiden per Kaiserschnitt zur Welt gebracht – fast vier Wochen zu früh.
Elias wurde um 16.12 Uhr geboren, seine Schwester um 16.13 Uhr. Die beiden bedauern ein wenig, dass Heiligabend und Geburtstag zusammenfallen. „Weil man immer so lange warten muss“, sagt Theresa.
Zetels Bürgermeister Heiner Lauxtermann (Landkreis Friesland) ist am 24. Dezember auf der Flucht. Er wird 60 Jahre alt, feiert aber nicht. „Geburtstag feiern und Heiligabend, das passt nicht zusammen“, sagt er. Seinen Ehrentag verbringt er im engsten Familienkreis. Im Sommer plant er dann gemeinsam mit seiner Frau eine größere Feier. Heiligabend scheint ein gutes Geburtsdatum für Bürgermeister zu sein: Auch Volker Bernasko, Bürgermeister von Großenkneten (Landkreis Oldenburg), ist ein Christkind. Heute feiert er seinen 54. Geburtstag.
