Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

INSTRUMENTE Im Bann des Bandoneons

OLDENBURG - Jahrelang übte er, um Musiker zu werden. Er kennt die Geheimnisse des Instruments.

Von Thorsten Kuchta

OLDENBURG - 1983 erlebt der 20-jährige Rocco Boness einen Moment, der sein Leben verändert: Übernächtigt und erschöpft – der Mann ohne Schulabschluss verdient sein Geld als Profi-Billardspieler im nächtlichen Hamburg – begegnet er einem Straßenmusiker, der Bandoneon spielt. Boness verfällt dem melancholischen Zauber des Instruments so vollständig, dass es ihn nie wieder loslässt.

Heute, über 20 Jahre später, gehört Rocco Boness zu einem der weltweit renommiertesten Bandoneonorchester (Carel Kraayenhofs „Canyuenge“) und spielt demnächst sogar für Königin Beatrix der Niederlande. Und: Er hat sich so in die Technik des Bandoneons eingefuchst, dass fast alle Profis dieser Welt ihre Instrumente von ihm stimmen und restaurieren lassen.

„Ich wollte immer Musiker werden“, sagt der 42-jährige, „doch erst das Bandoneon hat diesen Wunsch mit Energie erfüllt.“ Er greift zu seinem Instrument, der seelenvolle Klang erfüllt den Raum der Wohnung am Osterkampsweg. Sein Bandoneon stammt von Ernst Arnold, dem „Stradivari“ des Bandoneons, ist 80 Jahre alt, glänzt wie neu, strahlt aber die Würde des Alters aus. Rocco Boness verschmilzt mit dem Instrument – „diese Verbindung schafft Energie, die trägt“.

In seinem Fall weit: „Alle wollten mir ausreden, Profimusiker zu werden – sie sagten, man müsse mit sechs Jahren beginnen zu üben.“ Boness‘ Reaktion: „Ich rechnete mir aus, dass ich täglich neun Stunden üben muss, um Versäumtes aufzuholen, bis ich 30 bin“. Er tat es, zum Teil mit Decke überm Kopf, um Nachbarn nicht zu wecken.

Der Erfolg belohnte ihn. Engagements wurden zur Regel, er wurde als Musiker bekannt und geachtet. Dann gab er eines seiner geliebten Bandoneons zum Stimmen: „Es kam zurück und klang wie ein Akkordeon“, sagt er, „die Seele war weg, die Melancholie verschwunden“. Er behielt es nicht.

Das Erlebnis lässt den Mann nicht mehr los. Er taucht ein in das Instrument, befasst sich mit Stimmzungen, Geheimnissen des Balgs, der Mechanik und der Tasten, entwickelt Techniken und Werkzeuge, bis er das Bandoneon stimmen kann, ohne ihm die Seele zu nehmen – das spricht sich herum. Musiker in der ganzen Welt kennen seinen Namen, nebenbei arbeitet er als Berater mit weit reichenden Kompetenzen für ein deutsches Unternehmen, dass den Bandoneonbau wieder aufleben lässt.

„Heute“, sagt Rocco Boness, „bin ich in der glücklichen Lage, als Musiker nicht mehr als Beigabe zum Buffet bei Vernissagen spielen zu müssen – und mir als Handwerker meine Aufträge aussuchen kann.“ Obwohl er so akribisch arbeitet, dass er bis zu 200 Stunden an einem Instrument sitzt: „Die Musiker wissen das, und sie bezahlen das“. Doch der Weg war hart und oft auch steinig. Etwa sein Einstieg bei „Canyuenge“: „Ich kannte Carel Kraayenhof lange. Er ist einer der ganz Großen, und jeder träumt davon, in seiner Band zu spielen. Als er mich fragte, war ich euphorisch“. Er wähnt sich am Ziel. Dann kommt das Repertoire. 100 Stücke. Eins schwerer als das Andere.

„Ich habe mich durchgebissen“, sagt Boness, „aber es war hart.“ Eine Frage der Energie. Er schafft es. Wieder einmal. „Ich wollte mir beweisen“, sagt er. „dass ich alles schaffen kann, wenn ich die Dinge aus vollem Herzen tue.“ Sein Lächeln sagt: Er hat es geschafft.

Bandoneon wurde aus Deutschland fast vertrieben

Seinen Namen

hat das Instrument von dem Krefelder Musiklehrer und Musikalienhändler Heinrich Band, der es um 1840 entwickelte. Die Instrumente des Werkmeisters Ernst Louis Arnold wurden weltberühmt.

142 Tasten

in willkürlicher Anordnung machen ein Zurechtfinden auf dem Balginstrument extrem schwer. Mit fast fünf Oktaven erreicht der Tonumfang des kleinen Instruments fast den eines Klavieres.

Bandoneonvereine

machten das Instrument populär. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 waren sie als Teil der Arbeiterbewegung unerwünscht. Das Instrument wurde für volksmusikalisch ungeeignet erklärt.

Seine Renaissance

in Deutschland erlebte das Bandoneon (nach Einsätzen in der Liedermacherszene) durch die Popularität des von Astor Piazolla erneuerten Tangos.

Diese NWZ -Serie stellt Menschen vor, die mit einzigartigen oder seltenen Tätigkeiten und Berufen ihr Geld verdienen.

Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Haben das Demokratiefest am 11. Mai in Schortens aus Sicherheitsgründen abgesagt: die Veranstalter (von links) Detlef Kasig, Axel Homfeldt und Wolfgang Ottens.

SICHERHEITSGRÜNDE Veranstalter sagen Fest für Demokratie in Schortens ab

Jever
Da hofften sie noch auf ein buntes Familienfest (von links): die Initiatoren von „Rock durch die Mitte“ Detlef Kasig (SPD), Axel Homfeldt (CDU) und Wolfgang Ottens (Grüne).

DEMOKRATIE-FEST IN SCHORTENS ABGESAGT Initiatoren sehen Sicherheit am 11. Mai gefährdet

Jeversches Wochenblatt
Schortens
Mit der Legalisierung von Cannabis für Erwachsene wird auch Jugendlichen suggeriert, dass Kiffen in Ordnung ist.

DROGENKONSUM BEI JUGENDLICHEN Die Reifung von Hirn und Emotionen bleibt beim Kiffen auf der Strecke

Anja Biewald
Oldenburg
Die Baskets Oldenburg um Alen Pjanic (links) können in der Tabelle klettern. Vechta und Wes Iwundu fehlen noch ein Sieg im Playoff-Rennen.

ZWEI SPIELTAGE VOR ENDE DER HAUPTRUNDE Das ist für Baskets Oldenburg und Rasta Vechta noch drin

Niklas Benter
Oldenburg
Der Herr der Zahlen bei Kickers Emden: Steuerberater und Vorsitzender Hendrik Poppinga.

WEGWEISENDE VERSAMMLUNG Wichtiges Zukunfts-Votum bei Kickers Emden – Mitglieder kommen Ende Mai zusammen

Lars Möller
Emden