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Integration Lebensmelodie in Dur und eine neue Heimat

Marlis Oehme

OLDENBURG - In seiner Kindheit liebte er die langen, schneereichen Winter in Nordkasachstan ebenso wie die südländische Lebensart im stets warmen Kirgisien. Später, Jörg Siegloch wohnt schon in Oldenburg, führt ihn die Leidenschaft für die Musik quer durch Europa und sogar bis nach New York. Heute gibt er Erwachsenen Instrumentalunterricht. Für Sehbehinderte hat er eine eigene Lehrmethode entwickelt. Seine Frau, gebürtig aus Kasachstan, lernt er in Oldenburg kennen. Jörg Siegloch kauft ein Haus und wird hier 1999 endgültig sesshaft.

Geboren in Tadschikistan verbringt er seine Kindheit in Nordkasachstan. „Manchmal, wenn nachts der Schneesturm getobt hatte, musste ich durch ein enges Fenster nach draußen kriechen und die Eingangstür von außen freischippen.“ Ihm hat das Spaß gemacht. Er erinnert sich gern daran, wie er mit den Nachbarskindern über die niedrigen Dächer gelaufen und in den tiefen Schnee gesprungen ist. Schön war es danach in der warmen elterlichen Stube.

Als er in die dritte Klasse kommt, ziehen die Eltern nach Tokmak, Kirgisien. Hier macht der kleine Jörg große Augen: „Es gab riesige Berge und weite Seen. Immer war es warm und an Früchten wuchs einfach alles.“ Hier beginnt er in der Musikschule. „Ich wollte gern Klavier lernen“, erzählt er, „aber das war zu teuer.“

Die Eltern, der Vater Elek-triker, die Mutter Fabrikarbeiterin, konnten das nicht bezahlen. Auf Anraten seines Vaters, eines Hobbymusikers, beginn er mit Trompete und lernt im Nebenfach Klavier. Der Vorteil: Die Ausbildung wurde staatlicherseits gefördert, weil Blasmusikorchester die Menschen in praktisch allen Lebenslagen begleiteten. Gespielt wurde an Feiertagen, bei Militärparaden, auf Hochzeiten und Beerdigungen.

Im Anschluss an die Schulzeit besucht er die Fachhochschule für Blasmusik. Kurz darauf wird er zum Militär eingezogen. 4600 Kilometer weiter nach Osten, „an das Ende der Welt“, nach Chabarowsk. Aber er hat Glück und landet im Militärblasorchester. „Es war faszinierend. Rund 20 Mann kamen hier aus allen Teilen der riesigen Sowjetunion zusammen und alle spielten das gleiche Repertoire.“ Militärmärsche, Chopin, Mendelssohn.

Siegloch, bald Leiter des Orchesters, reicht das jedoch nicht. So riskiert er etwas. Er arrangiert Popstücke und gründet eine Band. Einer der mächtigen Polit-Offiziere mag diese Musik. So spielten Soldaten der Sowjetarmee Abba und Boney M und „die Offiziere tanzten wie verrückt“. Wieder zurück in Kirgisien beendet Siegloch sein Musikstudium mit Auszeichnung. Als einer der ganz wenigen Absolventen darf er weiterstudieren: Lehramt.

Siegloch arbeitet in Kirgisien bereits als Lehrer, als 1989 die Ausreise-Genehmigung kommt. Darauf hatte die Familie, Deutschstämmige, seit Generationen hingelebt. Er kommt in ein Übergangslager in den Harz. Auch dort hat es ihm die Natur gleich angetan: „Der Harz ist traumhaft schön.“

Weniger schön ist das, was beruflich auf ihn zukommt. Seine Abschlüsse als Musiker und Pädagoge werden nicht anerkannt. Die ganze Ausbildung, fast acht Studienjahre für nichts, so empfindet er es. Vom Arbeitsamt in Winsen/Luhe, wo er bei den Verwandten unterkommt, wird ihm eine Umschulung als Schweißer angeraten.

Der sensible, zurückhaltende Mann ist der Verzweiflung nahe. Bis er in einer Beratung auf die Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg aufmerksam gemacht wird. Der bald 30-Jährige, der in der Sowjetunion immer pragmatisch reagiert hatte, stellt sich auch darauf ein. Zunächst studiert er Technik und Arbeitswirtschaft, dann Musik und Russisch für das Gymnasiallehramt.

Aber das Studium überstrapaziert seine Anpassungsfähigkeit: „Damals wurde kaum russisch gesprochen, dafür aber verlangte man Aufsätze über russische Philosophie, die nicht einmal in St. Petersburg üblich waren.“ Immerhin hat er den Abschluss für Musik in der Tasche, als er 1997 die Uni verlässt.

Er setzt sich nun auf das Fahrrad, um Privatunterricht zu geben: Klassik und Jazz, Folk und Pop, Tanz- und Unterhaltungsmusik. An Klavier, Akkordeon, Bandoneon oder Trompete kann er jetzt, auch dank des letzten Musikstudiums, praktisch alles.

Der Zuspruch ist gut, die Gründung der eigenen Musikschule die Konsequenz. Zuvor hatte er mit einem Partner das „Duo Diagonal“ gegründet, das in der Tango-Szene in der ganzen Bundesrepublik, in Dänemark, Frankreich und Spanien sowie in Amerika auf sich aufmerksam macht. Und dann geschieht etwas Merkwürdiges. Wo immer er ins Gespräch kommt, es sind Oldenburger. „Man fühlt das irgendwie, dass jemand in der gleichen Ecke wohnt.“ Oldenburg hatte sich in sein Herz geschlichen. An Kirgisien hängt er noch immer. Schon der Kinder wegen fliegt die Familie alle zwei Jahre in die alte Heimat. Gleichzeitig baut er sich mit dem Angebot musikalischer Früherziehung in russischer Sprache ein weiteres Stück Heimat auf. Nein, aus Oldenburg will er nicht mehr weg.

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