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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Internet: Uralte Spitzen im Netz unvergänglich

12.12.2017

Oldenburg Gestochen scharf sind die zarten Spitzen und Stickereien. Fast meint man, einzelne Fäden zu erkennen, die jemand vor mehr als 200 Jahren mit spitzer Nadel durch den Stoff gezogen hat. Aus dieser Nähe sind museale Schätze sonst nie zu sehen.

Wer eine Ausstellung mit historischen Gewändern besucht, muss üblicherweise Abstand zum Exponat halten oder darf nur durchs Vitrinenglas schauen. Aber wann bietet sich schon die Gelegenheit? Textile Objekte sind sehr empfindlich und dürfen nur für maximal drei Monate ins Licht einer Ausstellung, ohne Schaden zu nehmen. Danach verschwinden sie wieder für lange Zeit ins Dunkel des Magazins.

Bildrechte

Dafür gibt es inzwischen eine Lösung: die virtuelle Ausstellung. Seit Anfang 2011 stellt Google in seinem Projekt „Arts & Culture“ in Kooperation mit Musseen weltweit Kunstwerke und Kulturgüter online. Nach Angaben des US-amerikanischen Internet-Riesen ist das Projekt auf rund 1400 Museen und kulturelle Einrichtungen aus 70 Ländern mit mehr 200 000 Kunstwerken, Millionen von Fotos, Videos und Dokumenten zu Themen rund um Kunst, Kultur und Geschichte angewachsen. Auf laute Kritik stößt das bisher nicht. Im Gegenteil, viele Museen begrüßen die Verbreitung ihrer Kunstschätze.

3000 Jahre Mode aus aller Welt

Das Ausstellungsprojekt „We Wear Culture“ (Wir tragen Kultur), an dem sich das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg beteiligt, vereint 3000 Jahre Mode aus aller Welt. Das Projekt von „Google Arts & Culture“ ist eine Kooperation mit mehr als 180 kulturellen Institutionen.

Am Computer, Tablet oder Smartphone lässt sich die Kleiderkultur rund um den Globus erforschen. Exponate des Landesmuseums sind seit 2016 bei „Google Arts & Culture“ vertreten. Neben der Ausstellung sind auch ein virtueller Rundgang durch die Prunkräume des Schlosses und „Gigapixel“-Abbildungen einzelner Exponate verfügbar.

Zugang zur virtuellen Ausstellung unter der Webseite des Landesmuseums:

    www.landesmuseum-ol.de

Google-rojekt: http://g.co/wewearculture

Auch Rainer Stamm, Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, hat vor anderthalb Jahren das Google-Angebot angenommen, nachdem er sich zuvor das „Markenumfeld“ genau angeschaut hatte. Und das kann sich sehen lassen: Viele renommierte Häuser wie die Nationalgalerie in Berlin, das Städel-Museum in Frankfurt, das Van-Gogh-Museum in Amsterdam oder das Guggenheim Museum Bilbao haben Teile ihrer Sammlung ins Netz stellen lassen.

Zwischen Google und dem Landesmuseum wurde ein umfangreicher, Dutzende Seiten umfassender Nutzungsvertrag abgeschlossen, den er sehr genau geprüft habe, erläutert Stamm. Darin tritt das Museum die Rechte an den digitalisierten Bildern ab – aber nicht exklusiv, wie er betont. Theoretisch bestehe für Google die Möglichkeit einer kommerziellen Weiterverwertung der Daten, räumt der Direktor ein, „der nicht ganz ohne Vorbehalte“ an die Sache herangegangen ist.

Doch befürchte er keinen Schaden, sagt Stamm und führt ein hypothetisches Beispiel an: Falls irgendwo in Mexiko ein T-Shirt mit einem Bild vom Oldenburger Schloss bedruckt werden sollte, steigere das eher noch die Wertigkeit der Objekte. Im Übrigen sei für die virtuelle Schau kein Geld geflossen: Museum und Google hätten jeweils nur den eigenen Aufwand finanziert.

Mit ihrer Textilsammlung – eine der bedeutendsten in Nordwestdeutschland – beteiligt sich das Landesmuseum speziell an dem Google-Ausstellungsprojekt „We Wear Culture“ (Wir tragen Kultur). Die virtuelle Ausstellung „Kleidermode im Wandel gesellschaftlicher Konventionen“ des Landesmuseums zeigt die Modetrends vergangener Epochen anhand von rund 20 textilen Objekten sowie ihrer Darstellung in Gemälden und Grafiken.

Fragile Objekte

Der Internetnutzer klickt sich durch die hochauflösenden Fotos und erfährt Wissenswertes zu den Objekten in kurzen Begleittexten. Kleidungsstücke und Accessoires von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis ins 21. Jahrhundert umfasst die Sammlung. In der virtuellen Ausstellung, die auf der Webseite des Landesmuseums verlinkt ist, kommt man den fragilen Objekten ganz nah, ohne sie wirklich vor sich zu haben: duftige Kleider mit aufwendigen Spitzen oder verzierter Schleppe, eine fließende „Chemise“ (um 1810) für die modebewusste Dame, die auf Korsett und Reifrock verzichtete, ein Oldenburger Hofrock von 1916, der allerdings nie getragen wurde, oder ein Minikleid im Stil der britischen Modeschöpferin Mary Quant aus den 60er Jahren.

Höhepunkt aber ist das Totengewand des Grafen Anton Günther von Oldenburg (1583–1667), das im Jahr 1938 bei der Öffnung der Grablege in der Oldenburger St. Lamberti-Kirche geborgen wurde und erstaunlich gut erhalten ist. Davon können sich Ausstellungsbesucher auch ganz real überzeugen: In einem Raum, der stark abgedunkelt wurde, um das uralte Gewebe zu schützen.

Zwar ist nicht jedes Detail zu erkennen, aber dafür vermittelt der Anblick im Schloss den leicht modrigen Hauch des Vergänglichen. Da kann keine noch so scharfe Interneta*bbildung mithalten.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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