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NWZonline.de Nachrichten Kultur

„Supergute Tage“ läuft zum 50. Mal in Oldenburg

24.11.2018

Oldenburg Er verbindet, was nicht verbunden werden kann: Er ist hochintelligent und saudumm. Und was die tägliche Lebenspraxis angeht, so erweist sich der Egozentriker als Niete, mathematisch dagegen als Genie: Christopher Boone steht in Oldenburg demnächst zum 50. Mal wieder unruhig auf der Bühne des Kleinen Hauses. Er hampelt dann ein wenig, seine Arme zucken ungelenk.

Mit Worten fuchtelt er indes logisch herum und plappert so in eine krause Geschichte hinein: der Hund der Nachbarin wurde ermordet. Vorn an der Rampe steckt die Forke. Der Vater ist manchmal nervig, die Mutter krank und später tot. Und da haben wir noch gar nicht erwähnt, dass Christopher Boone jegliche Berührung und Veränderung hasst.

Schon 15.000 Besucher

Der 15-Jährige kennt alle Primzahlen bis 7507. Zudem kann er uns einen Vortrag übers Weltall halten, bei dem Einstein mit den Ohren gewackelt hätte. – „Supergute Tage“ ist ein Theaterstück des Briten Simon Stephens. Im Zentrum steht ein Junge, der unter dem Asperger-Syndrom leidet, einer milden Form von Autismus. Seit dem Film „Rain Man“ mit Dustin Hoffman ist derlei etwas Mode geworden.

Franziska Werner BILD: Walzl

Das sagt die Hauptdarstellerin über Ihre Rolle

Franziska Werner (37), Schauspielerin: „Supergute Tage“ bleibt für mich immer eine besondere Produktion. Es war mein Debüt am Staatstheater. Ich kannte das Haus noch nicht, die Kollegen lernte ich gerade erst kennen. Bei der Premiere war ich 33 und damit weit entfernt von einem fünfzehnjährigen Jungen. Peter Hailer, unser Schauspieldirektor, erzählte mir später, dass die Idee dieser Besetzung entstand, nachdem ich beim Vorsprechen die Frage, was ich gern mal spielen würde, mit „Hamlet“ beantwortet hatte. Ich las zur Vorbereitung eine Menge Bücher, um so viel wie möglich über das Asperger-Syndrom zu lernen, bevor die Proben losgingen. Da jeder Asperger anders ist, habe ich danach überlegt, was zu der Figur Christopher Boone passen könnte. Ich wollte unbedingt verhindern, dass sich jemand von der Art, wie ich die Figur spiele, verletzt fühlen könnte.

Jetzt bin ich 37 und ich habe das Stück 49-mal gespielt. Es ist in Oldenburg mein liebstes Stück. Ich hatte viele tolle Produktionen, aber die Rolle des Christopher Boone ist ein Geschenk. Ich hoffe, wir können das Stück noch lange spielen.

Auch Christopher Boone ist hochbegabt. Der ist in diesem Fall eine Sie: Die zarte Franziska Werner, seit 2014 im Oldenburger Ensemble und seitdem in der Rolle zu sehen, spielt den Teenager Boone. Sie macht das fantastisch, man vergisst sofort ihr Geschlecht, sieht nur noch den Jungen, der detektivisch den Tod eines Pudels klären will und im Familiendrama und Erwachsenwerden landet.

Etwa 15.000 Besucher haben das pausenlose 90-Minuten-Stück seit der Premiere im Oktober 2014 in Oldenburg gesehen. Wieder und wieder wurde es in den Spielplan gehoben. Am 1. Dezember steht nun die 50. Vorstellung im Kleinen Haus an. Wuschelkopf Franziska Werner wird an dem Abend wieder hochkonzen­triert sein. Das ist Teil der Rolle, die auch mal vor Witz sprüht, was gewiss der überlegten Regie von Jana Milena Polasek zu verdanken ist, die das Drama auf die Bühne brachte. Man sucht nie das Schrille, sondern immer die schlichte Lösung. Eine alte Nachbarin? Agnes Kammerer macht einen Buckel und stützt sich altfraulich auf einen Regenschirm. So klar kann Theater sein.

Papa und Mama, die Schauspieler Thomas Birklein und Nientje Schwabe, wirken angesichts von Boone als wirbelndem Zentrum wie Randfiguren. Den Zuschauer fasziniert in jeder Aufführung zuerst das Exotische: Wie ein Kleinkind flennt Boone und kotzt sich voll. Der überforderte Papa lügt Boone an, kein verdammter Schaffner kann auf der Reise nach London mit Autisten umgehen. Offenbar ist nicht Boone behindert, sondern er wird behindert.

Technikverrückt

Da ist also eine Busladung von Problemen? Ja. Zum Glück kommt das Stück im Staatstheater nicht bierernst daher. So erklärt uns Boone lustig, dass er Metaphern nicht kapiert. Sätze wie „Er hat eine Schraube locker“, übersteigen seine Kapazitäten. Da dreht er durch. Zum Erfolg des Abends trägt eine praktisch wandlose Bühne von Stefanie Grau bei. In der Mitte dreht sich hinter einer Lupe ein goldenes Wasserrad. Das beruhigt. Zudem kann der technikverrückte Boone exakt berechnen, wie lang der Bremsweg für das Teil ist.

Also der „Rain Man“ fürs Oldenburgische? Das pädagogische Stück zur Inklusion? Nein, es wird mehr geboten: ein inniges Drama, in dem man sich in keiner Minute langweilt.

Damit ist garantiert, was heute selten ist: Dass ein Theaterstück über Jahre läuft. Sicher ist so was nie. Generalintendant Christian Firmbach, der 2014 nach Oldenburg kam: „Als wir das Stück auf den Spielplan setzten, waren wir uns nicht sicher, wie es beim Publikum ankommen würde.“


Info:   www.staatstheater.de 
Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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