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Kolumne „Ein Jahrhundert – 100 Bücher“ (Teil 43) George Orwell: Tage in Burma (1934)

Klaus Modick Bernd Eilert

Oldenburg - George Orwell ist durch zwei Bücher zu Weltruhm gekommen: „Die Farm der Tiere“, eine böse Satire auf den Stalinismus, und „1984“, eine düstere Dystopie, deren Leitsatz „Big Brother is watching you“ Allgemeinplatz geworden ist.

Autor spricht aus Erfahrung

Bevor Orwell, geboren 1903 in Nordindien, Schriftsteller wurde, war er als Polizeioffizier in Burma, dem heutigen Myanmar, stationiert. George Orwell spricht also aus Erfahrung, und das merkt man an der Sicherheit, mit der er von der Intrige erzählt, die der Distriktrichter U Po Kyin gesponnen hat, um endlich als erster Einheimischer in den „Europäischen Club“ der Provinz aufgenommen zu werden. Der listenreiche, schwerkorrupte Richter erreicht sein Endziel – das Unheil, das er auf den verschlungenen Wegen dorthin angerichtet hat, steht allerdings in keinem Verhältnis zu der Genugtuung, die er daraus zieht, zumal ihn auf dem Gipfel seines Triumphs ein Schlaganfall dahinrafft.

Die beiden Milieus, die in Burma aneinander vorbeilebten, waren Orwell so vertraut, dass er mit den Vorurteilen spielen konnte, die wechselseitig das Bild des anderen verzerren, ins Positive wie ins Negative: Die Cocktailpartys auf der Clubterrasse sind eher langweilig als glamourös, das Leben in den Eingeborenenvierteln ist kompliziert und keineswegs primitiv.

Skepsis gegen Ideologien und Anti-Ideologien

George Orwell war ein scharfsinniger Analytiker, der bereits vor knapp 100 Jahren die Widersprüche des Kolonialismus erkannte. Dass er sie im Rahmen einer spannenden Geschichte offenlegte, ist sein besonderes Verdienst, bedeutet aber nicht, dass er eine Patentlösung parat gehabt hätte. Ideologien und Anti-Ideologien gegenüber blieb er skeptisch, denn: „Man hat gewöhnlich nicht die Wahl zwischen Gut und Böse, sondern die zwischen zwei Übeln.“ Die Geschichte des Post-Kolonialismus hat das – auf dem indischen Subkontinent besonders blutig – bewiesen.

Die Autoren dieses Beitrages sind Klaus Modick und Bernd Eilert. Die beiden Olden­burger Schriftsteller stellen in dieser Literatur-Kolumne 100 Meisterwerke des 20. Jahr­hunderts vor.

Die Kolumne erscheint regelmäßig exklusiv in dieser Zeitung. Die Folgen zum Nachlesen gibt es unter www.nwzonline.de/jahrhundert-buecher
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