Oldenburg - Die schönsten Beispiele für deutschsprachige fantastische Literatur stammen aus dem untergegangenen K.u.K.-Reich: Schnitzlers „Traumnovelle“, Meyrinks „Golem“, Romane von Perutz oder Kubin – in den Schatten gestellt werden sie alle von Alexander Lernet-Holenias „Der Baron Bagge“.
Lernet-Holenia hat Romane, Theaterstücke, Drehbücher geschrieben. Manches ist ihm gelungen – diese Novelle, die Motive aus Ambrose Bierces Erzählung „Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke“ aufnimmt, ist makellos: Eine Rahmenhandlung weckt Interesse für eine geheimnisvolle Person, die dann ihre angeblich wahre Geschichte erzählt.
Führen Befehle ins Verderben?
Diese spielt im Ersten Weltkrieg: Der Baron Bagge ist mit seiner Kavallerieeinheit auf dem Weg an die Front. Der Ritt führt in den Norden Ungarns, und je länger er dauert, desto unwirklicher erscheint die Umgebung, desto seltsamer verhalten sich auch die Offizierskameraden. Vor allem sein Vorgesetzter weckt in Bagge den unbestimmten Verdacht, dass dessen Befehle sinnlos ins Verderben führen. Und je weiter die Schwadron reitet, desto fragiler wird die Welt, immer weniger Sonnenschein fällt in die engen Täler, im Zwielicht scheint das Wasser eines Flusses aus Glasscherben zu bestehen.
Kein Zurück mehr aus einem Albtraum
Nach einem Scharmützel auf einer Brücke wird Bagges Traum endgültig zu einem Albtraum, aus dem es scheinbar kein Zurück mehr gibt. Seine bange Frage, „was dieser Irrsinn bedeute“, bleibt zunächst unbeantwortet. Und soll’s hier auch bleiben. Formal rundet sich die Novelle schulmäßig. Der gleitende Übergang zwischen Wirklichkeit und Wahn ist im fantastischen Genre zwar nichts grundsätzlich Neues, doch Lernet-Holenia gelingt es, den Gegensatz zwischen den beiden Welten mit so unheimlicher Leichtigkeit in Literatur aufzulösen, dass sein „Baron Bagge“ neben Edgar Allen Poes „Denkwürdigen Abenteuern des Arthur Gordon Pym“ durchaus bestehen kann.
Die Autoren dieses Beitrages sind Klaus Modick und Bernd Eilert. Die beiden Oldenburger Schriftsteller stellen in dieser Literatur-Kolumne 100 Meisterwerke des 20. Jahrhunderts vor. Die Kolumne erscheint regelmäßig exklusiv in dieser Zeitung. Die Folgen zum Nachlesen gibt es unter www.nwzonline.de/jahrhundert-buecher
