Oldenburg - In seinen Erinnerungen an „Amorbach“, den Ferienort seiner Kindheit, erzählt Adorno von einer zahmen Sau, die, vom Anblick des knallroten Gewandes der Gattin des Eisenbahnpräsidenten wieder wild gemacht, die Dame auf den Rücken nimmt und mit ihr davon rast. „Hätte ich ein Leitbild,“ schließt Adorno, „so wäre es dieses Tier.“

Allzu häufig hat Theodor W. Adorno die Sau leider nicht rausgelassen. Kein Wunder: wenn einer den Wert eines Gedankens „an der Distanz von der Kontinuität des Banalen“ misst, ist er stets in Versuchung, seinen Scharfsinn so auf die Spitze zu treiben, dass nicht einmal Scholastiker mehr berechnen könnten, wie viele Engel darauf Platz hätten.

In seinen „Minima Moralia“ hat Adorno mehr als einmal gegen sein Originalitätsgebot verstoßen. „Gelingt es ganz, das zu sagen, was man meint, so ist das schön.“ Schlicht muss ja nicht schlecht sein. Adornos „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ spiegeln den Alltag eines Intellektuellen im amerikanischen Exil ebenso wie die Negierung jeglicher Vernunft im faschistischen Deutschland.

Seiner Forderung nach „Tempo, Gedrängtheit, Dichte und doch wiederum Unverbindlichkeit“ entsprechen die meisten der hier versammelten Aphorismen und Kurzessays.

Manches klingt gar wie eine Kritik an den eigenen Großwerken, denen „ein eitles Moment“ innewohnt, da allzu oft „der kritische Gehalt eines Gedankens“ dementiert wird „vom Geist des sich Verbreitens.“ Und tatsächlich schreibt Adorno dort in einem Stil, der dem von ihm geschmähten „Jargon der Eigentlichkeit“ eine Wortklauberei entgegensetzt, die auf längere Strecken genauso wenig auszuhalten ist.

Dass die „Minima Moralia“ Adornos populärstes Buch geworden sind, liegt in ihrer leserfreundlichen Bescheidenheit, die uns in der Hoffnung bestärkt, es gäbe eben doch ein richtiges Lesen im Falschen.

Die Autoren dieses Beitrages sind Klaus Modick und Bernd Eilert. Die beiden Olden­burger Schriftsteller stellen in dieser Literatur-Kolumne 100 Meisterwerke des 20. Jahr­hunderts vor. Die Kolumne erscheint regelmäßig exklusiv in dieser Zeitung. Die Folgen zum Nachlesen gibt es unter www.nwzonline.de/jahrhundert-buecher