OLDENBURG - OLDENBURG - Manchmal bedauert es die französische Pianistin Marie-Josèphe Jude, dass ihr Konzert schon zu Ende ist: Dann nämlich, wenn sie sich vom Publikum getragen fühlt. Also schiebt sie im Staatstheater zwei Zugaben von Debussy und Ravel hinterher. Und da liegt das verblüffte Bedauern plötzlich bei den Zuhörern im letzten Saisonkonzert der Reihe „Große Pianisten im Kleinen Haus“. War das bis dahin vermeintlich Beste von Madame Jude gegenüber ihrer Größe in „General Lavine“ aus dem ersten Band von Debussys Preludes nicht doch nur das Zweitbeste?

Nur: Was hätte sie für die populären Franzosen aus ihrem ebenso anspruchsvollen wie innovativen Programm verbannen sollen? Keinesfalls die häufiger gelobten als gespielten Variations sérieuses op. 54 und drei großformatige Präludien und Fugen aus op. 35 von Felix Mendelssohn! Erst recht nicht die vier Naturstücke aus den Cahiers Méditerranéens, einer Art Skizzen vom Mittelmeer, von Raphael Pizacos. Und auch nicht die fünf rituellen Tänze von André Jolivet mit einer ungezähmten, aber auch unendlich fein schattierten Musik.

Das Spiel von Marie-Josèphe Jude besitzt ebenso virtuosen Schwung wie wirkliche Ruhe. Warum die 38-Jährige zu den Größen hinter den namhafteren Stars zählt, verdeutlicht schon der Einstieg in Mendelssohns Variationen; das Thema klingt in linker und rechter Hand hauchzart unterschiedlich charakterisiert, was ihm eine besondere Lebendigkeit beschert. In den Abwandlungen besticht sie durch Flüssigkeit der Mittelstimmen, ein ansprechend lebhaftes Tempo und die klug aufgebaute Steigerung zum Finale hin.

Die Klangfarben dominieren dann gegenüber der strikten Form in den Stimmungsbildern der Franzosen. Aber Jude verfolgt bei den Miniaturen von Pizacos über den fein ziselierten Effekten immer eine musikalische Linie. Hier wie bei Jolivets rhythmisch vertrackten Stücken lässt sie durchaus schwelgerische Träumerein zu, schwenkt aber immer wieder zurück zu analytischer Durchsichtigkeit, ohne trocken zu artikulieren. Nein, Debussy und Ravel fehlten dann doch nicht. Das wäre noch einmal ein anderes Konzert.