OLDENBURG - Wenn im Puppentheater der gerechte Kasperle alle einfältigen Figuren mit seiner Klatsche durchwalkt, hat kein Lump etwas zu lachen: „Ihr Lotterbuben, euch werde ich es zeigen!“ Wenn im Konzert die Chinesin Lin Chen das Thema der Diabelli-Variationen von Beethoven in ihre Pianistinnenfinger bekommt, dann wird das für den läppischen Walzer auch nicht lustig: „Du lausiges Melodiechen, du klappriger Rhythmus, euch werde ich es zeigen!“ Das macht sie dann auch in der monatlichen Reihe „Weltklassik am Klavier“ im PFL. Und wie!

Fast im Vorbeigehen nimmt sie sich den Ein-Minuten-Walzer des Anton Diabelli vor, den er als Musikverleger an 50 „vaterländische“ Komponisten verschickt hatte. Seine Marketing-Idee: Schreibt mir bitte jeder eine Variation. Das biedere Thema stampft unter ihren Händen, und wenn sie mit Links den Bass-Nachklapp hinterher schleudert, wird die Armseligkeit des Materials ohrenkundig. Doch dann kommen Beethoven – und Lin Chen, die in Hannover und Tianjin lebende Chinesin.

Tonsetzer von Ignaz Aßmayer über Friedrich August Kanne bis zu Charles de Winkhler schickten bis 1823 artig ihre Umspielungen. Beethoven hingegen entwarf gleich 33 diabolische Veränderungen und schuf das gewaltigste Variationswerk der Musikgeschichte. Das ist eine Dimension, der Lin Chen in frappierend vielen Teilen gerecht wird.

Sehr gradlinig steuert Lin Chen die schwelenden Konfliktherde an, zündet die Sprengsätze. Hei, da prasselt ein Trommelfeuer von Hammerschlägen etwa in der neunten und zehnten Variation herein. Perfekte Technik ist bei dieser Generation ohnehin kein Thema. Die aufheizenden Kontraste erhalten wie selbstverständlich Tiefe und Profil.

Ihr Sturm auf das mächtige Bauwerk mag aufrührerisch und robust sein, roh ist ihr Zugriff nie. Ihr persönliches Bekenntnis legt sie in der Schluss-Variation ab. Fein ziseliert breitet sie das Menuett aus. Aber es kündet auch davon, was im Leben alles an Querschlägen lauern kann.

Vor persönlichen Variationen ihres Spiels steht die Chinesin sicherlich noch. Da darf man gespannt die Ohren spitzen. Viel Empfindsamkeit gibt sie im ersten Teil des reinen Beethoven-Programms in der Fantasie op. 77 preis. Und durch die sechs Bagatellen op. 126 blitzt auch Humor. Das sind wahrlich eindrucksvolle Reserven.

Programm 2010 unter www.weltklassik.de