OLDENBURG - Musikstunden mit Elisabeth Leonskaja sind etwas Außergewöhnliches – gerade, weil die Grande Dame des Klaviers so vollkommen normal spielt. Inmitten haarsträubender Anforderungen gestaltet die Georgierin Satzcharaktere, Akzente, Phrasen, Bögen, Farben oder Läufe mit ganz natürlichem Atem.
Die Oldenburger schätzen nach zehn Jahren der Serie „Große Pianisten im Kleinen Haus“ solche Qualitäten und füllen den Saal bis auf den letzten Platz. Dabei wird Leonskajas Spiel nie nachgiebig, brav oder schwammig. Schon Ravels „Valses nobles et sentimentales eröffnet sie mit einem Prankenhieb. Und in Claude Debussys „Le vent dans la plaine aus den Préludes lässt sie Windböen wie Peitschenknallen dreinfahren. Und geballte Akkorde in George Enescus erster Sonate fis-Moll op. 24 bringt sie wie Kugelblitze zum Platzen.
Andeutung der Kontraste
Nie werden bei ihr heftige Akzente zu leichtgewichtigen Gesten abgebogen. Doch immer bleibt sie diskret in den Mitteln, gestochen scharf in den Konturen und griffig in der großen Form. Es reicht bei Ravels Walzern oder Debussys Zeichnungen die dezente Andeutung der Kontraste und Abbrüche. Leonskaja bedarf nicht der großen Gesten, um den Zauber hinter der Maskenhaftigkeit zu entzünden. Die Mischung von Wucht und Feinheit, von Kraft und Zierlichkeit, von Sogkraft und Verharren macht ihre Magie aus, verdecken auch Ansätze gepflegter Routine.
Kompromisslos harte Anschläge mögen im Ansatz an russische Schule erinnern. Sie meißeln ein klares Profil. Schon im gleichen Moment aber beginnt die Pianistin die wundervolle Verformung von Klängen und Gefühlen. Robert Schumanns „Symphonische Etüden“ op. 13 atmen dadurch Elan und Entschiedenheit, werden zum Raumflug wie zum Höllenritt. Wissenschaftlich korrekt hat der Komponist seine thematischen Entlehnungen angemerkt, bis zum jauchzenden Aufschwung des Finales. Hei, da reißt der Schumann den Himmel auf!
Wohlige Zugaben
Doch so weit zieht es den Zuhörer dann doch nicht hin. Auch außergewöhnliche Pianisten bleiben mal im Gewöhnlichen hängen. Bei Leonskaja fehlen an diesem Tag mehr Momente, in denen sie die Kontrolle lockert und auch außer sich gerät. Man wäre zwischendurch gern etwas atemloser geworden.
Die beiden Zugaben mit Franz Liszt fügen sich wohlig dazu.
