Oldenburg - Den ersten Applaus erhält Konstantin Wecker am Montagabend in der Kulturetage, bevor er überhaupt zu singen anhebt. Wecker (71), einer der großen deutschen Liedermacher, betritt die Bühne, verneigt sich kurz, setzt sich an den Flügel, spielt die ersten Takte seines „Willy“ – und das Publikum klatscht. Wecker-Fans kennen den „Willy“, dieses Lied über Weckers mutigen Freund, der von Nazis erschlagen wurde. Einige der Konzertbesucher in der Oldenburger Kulturetage kannten vielleicht noch nicht die neueste „Willy“-Version – mit brandaktuellen Bezügen. Diese kam gut an: Immer wieder wird Wecker von Applaus unterbrochen, etwa, wenn er davon spricht, dass es Zeit werde, „dass wir dafür sorgen, dass die braune Brühe nicht noch weitere Landstriche überschwemmt“. Oder, wenn er ermutigt: „Widerstehen wir mit all dem, was uns als menschlichen Wesen gegeben ist an Mitgefühl und Verstand, Poesie und Zärtlichkeit.“

Der Aufruf zum sanften Widerstand zieht sich durch das Konzert, das Wecker am Dienstagabend in der Kulturetage wiederholte. Wecker schlägt vor allem sanfte Töne an, hält zunächst ein flammendes Plädoyer für Poesie und Zärtlichkeit, die in seinen Augen die einzigen Antworten auf Krieg, Terror und Diktaturen sein können. Dann nimmt der charismatische Bayer die Konzertbesucher mit auf eine fulminante Reise durch fünf Jahrzehnte Weckerschen Liedermachertums, gespickt mit teils nachdenklichen, teils selbstironischen Anekdoten aus seinem Leben und Passagen aus seinem Buch, „Auf der Suche nach dem Wunderbaren – Poesie ist Widerstand“.

Wecker singt altbekannte Lieder wie „Genug ist nicht genug“, und „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ und erzählt dann vom großen Glück, Kind seiner Eltern zu sein, vom sanften, antiautoritären Vater, der in ihm die Liebe zur Musik erweckt hat, von der kämpferischen Mutter und dem Widerstand, der ihm in die Wiege gelegt wurde.

Überhaupt ist dieser sanfte Konstantin Wecker in Oldenburg voll der Liebeserklärungen: an Weggefährten wie Dieter Hildebrandt; an seine Söhne, denen er das Lied „An meine Kinder“ widmete und darin nur einen Wunsch äußert: „Egal, was sie dir versprechen, mein Kind, trag’ nie eine Uniform“; an seinen musikalischen Partner, Pianist Jo Barnikel, den er als Überraschungsgast präsentiert und ihm am Ende des Lieds „Was ich an dir mag“ einen Luftkuss zuwirft.

Doch, er hat sie durchaus eingepackt, die politischen Lieder – aber auch die unterfüttert mit Zärtlichkeit, Poesie und Mut: Die zweite Hälfte des rund dreistündigen Konzerts beginnt mit „Das Leben will lebendig sein“, Weckers jüngstem Lied. Am Ende heißt es: „Das Leben will nicht stramm marschieren, es lädt zum Tanzen ein. Wer mit dem Leben tanzen will, muss ungehorsam sein.“ Es sind Zeilen wie diese, die die Besucher später „erfüllt“ oder „überwältigt“, wie einige sagen, den Heimweg antreten lassen. Und solche Zeilen gibt es viele bei den zwei ausverkauften Konzerten, etwa „Es geht ums Tun und nicht ums Siegen“ und „Wo alles dunkel ist, macht Licht“ aus Weckers Hommage an die „Weiße Rose“; oder „Umarmen wir jetzt jeden, der uns braucht in dieser bitterkalten Zeit“. Wecker, der gern an mutige, sanfte Revolutionäre wie Sophie Scholl oder Gandhi erinnert, zeigt sich in Oldenburg als genau so einer: als einer, der Mut macht in kalten Zeiten.