OLDENBURG - Wenns qualmt, stinkt und donnert, ist es Chemie, und wenn es quietscht, jault und blubbert Neue Musik. Der eine oder andere Zuhörer mag beim Gastspiel des Go-Guitar-Trios in der Exerzierhalle seine liebgewordenen Vorurteile optimal zementiert gefunden haben. Für offenere Gemüter hingegen wird dieser Abend ein bereicherndes Erlebnis gewesen sein, eine aufregende Erfahrung oder schlicht ein tolles Konzert.
Gunnar Geisse, Adrian Pereyra und Harald Lillmeyer und ihre Elektrogitarren, Mikrofone, Effektgeräte, Mischpulte, Laptop nebst Tastatur und Monitor sowie zwei Lautsprecher waren diesmal „im dialog“ (so der Titel der Reihe). Die Instrumente (Aggregate) untereinander verkabelt, gekreuzt mit einer Software, die die gesteuerte Verwirbelung von Klangfragmenten erlaubt, improvisierte man eine Stunde lang mit- und gegeneinander über das Thema „Prolog, Prozess, Epilog“. Klar strukturiert, steigerte sich die Musik von leisen, obertonreichen Liegetönen, nahm Fahrt auf über bilderreiche Sequenzen, gipfelte in fulminant funkelnden Wirbeln, implodierte, hauchte sacht aus. Bald irisierten funkelnde Perlen, bald zwitscherten Vögel, oszillierte diffuses Wabern. Sphärische Harfentöne überlagerten neblige Schwaden, Räder ratterten, es fauchte und fiepte. Dann wieder wummerten Tieftöner in Frequenzen, die den Boden schwingen und die Muskeln zittern ließen.
Im Verein mit einer sublimen Lichtregie ergab sich so ein gleichsam synästhetisches Musik-Erleben, dessen Unbedingtheit einen jeden inspirierte, sie mit eigenen Gefühlen und Gedanken zu besetzen. Großstadtbilder mögen da im Kopfkino entstanden sein. Oder Bilder prächtiger Weiten, mit nichts gefüllt als mit Sehnsucht und Wind; der Imagination waren keine Grenzen gesetzt. Wer wollte, konnte die Musik mit „weit geschlossenen Augen“ verfolgen wie Filmmusik. Und dabei, ja doch, gelegentlich auch Gitarrentöne erkennen.
Fast spielen Fülle und Komplexität der erzeugten Klänge die eines kompletten Sinfonieorchesters an die Wand, notfalls, bei Verwendung von Stimmfragmenten, sogar inklusive Opernchor. Diese Affinität kommt nicht von ungefähr. Geisse, Pereyra und Lillmeyer sind klassisch ausgebildet; bevor sie sich in der elektronischen Geräuscheküche als Zauberlehrlinge und Hexenmeister betätigten, huldigten sie Bach oder Messiaen. Infiziert etwa vom Free Jazz, widmeten sie sich in den Achtzigern experimentell-improvisierter Musik, zu deren Creme de la Creme sie seit Jahren zählen.
Als „Verständnis-Hilfe“ war das Programmheft mit hochtrabenden Worthülsen und furchteinflößenden mathematischen Formeln gefüllt. Zum Glück aber machten die Drei nichts als gute Musik.
