OLDENBURG - 555 Klaviersonaten hat Domenico Scarlatti komponiert. Oder 556? Ab und an findet ja jemand noch ein paar Noten des Italieners. Vier Sonaten hat sich Gabriele Leporatti für die monatliche Reihe „Weltklassik am Klavier“ im PFL herausgepickt. Aus jeder macht er eine so dramatische Erzählung, dass man ihm glatt unterstellt: Er wird auch in den übrigen 551 die Besonderheiten entdecken und hervorheben.
Dabei trägt der Gewinner des Bremer Klavierwettbewerbs keinesfalls dick auf, obwohl er herzhaft zupackt. Das entspricht dem Charakter der einsätzigen Sonaten. Sie beschränken sich satztechnisch nicht selten auf nur zwei Stimmen und sind trotzdem originell im Zuschnitt, kühn in ihren virtuosen Sprüngen und künstlerisch von höchstem Rang.
Bei Leporatti rutschen Scarlattis Opera A-Dur, Nummer 212 im Kirkpatrick-Verzeichnis, E-Dur/K 162, A-Dur/K 322 und das Presto D-Dur/K 29 keinesfalls ins Liebliche ab. Sie spiegeln etwas von der Rauheit einfacher Leute wider, obwohl Scarlatti doch für den spanischen Hof komponierte. Alles Sprunghafte, Widerborstige, ja manchmal Wütende schleudert der Pianist abrupt heraus, keineswegs plump, stets fein nuanciert. So bleibt die Musik trotz ihrer Brüche stets im logischen und emotionalen Zusammenhang.
Diese prickelnde Lebendigkeit kommt Girolamo Frescobaldis Aria mit Veränderungen „La Frescobalda“ ebenso zugute wie Baltassare Galuppis 5. Sonate. Das sind im Barock und der Frühklassik ebenso kühne wie formgebundene Werke. Gerade bei Galuppi betont Leporattis Spiel den Unterschied zu Scarlatti. Es wird schwebender, der Puls schlägt tänzerischer, die Akzente sitzen dezenter und gefälliger.
Die Brücke führt nach der Pause zu Ottorino Respighi. In drei Suiten hat er antike Arien und Lautentänze duftig für Kammerorchester gesetzt – und diese Fassungen lässt Gabriele Leporatti in der vollgriffigen Klavierversion glatt vergessen.
Kernig aber nie forciert ist sein Ton, zugreifend seine Gestaltung, packend Rhythmus und Dynamik. Da schwimmt dem Pianisten nicht einmal die weich-füllige und etwas grätenlose f-Moll-Sonate des Landsmannes fort.
Die Zugabe wird dann zum Kleinod: Schumanns „Des Abends“ aus den Davidsbündlertänzen.
