Oldenburg - Hagar Sharvit ist dem Oldenburger Publikum bestens bekannt durch ihr dreijähriges Engagement am Staatstheater. Seit diesem Jahr ist die gefragte Mezzosopranistin freischaffend. Neben markanten Opernpartien für ihr Stimmfach, singt sie auch, als mehrfach preisgekrönte Sängerin, das klassische klavierbegleitete Kunstlied. Mit dem Klavierbegleiter Daniel Gerzenberg lud sie zu einem gehaltvollen Liederabend ins Kleine Haus.
Im Programm hatte sie vier Einzellieder von Johannes Brahms, Henri Duparc, Fernando Obradors (das folkloristisch und stark kokettierende „El Vito“, das dann am Ende noch einmal als umjubelte Zugabe erklang) und von Wolfgang Amadeus Mozart „Als Luise die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte“, das sie wie eine kleine Opernszene gestaltete. Witz, Dramatik, Ironie, Herzblut, Tändelei, große Gefühle: Das Programm war insofern handverlesen, als sowohl die vier Einzellieder als auch die vier Liederzyklen weniger das strophische Kunstlied im Sinne von Franz Schubert, als die ausdrucksvolle, durchaus opernaffine Charakterszene in den Mittelpunkt stellte.
Die beiden das Konzert beschließenden Zyklen, die „Deux mélodies hébraiques“ von Maurice Ravel und fünf der „Lieder aus Des Knaben Wunderhorn“ von Gustav Mahler, sind ursprünglich für weibliche Stimme und Orchester geschrieben. Und das strahlen sie auch in der Transkription für Klavierbegleitung aus: Großer Gestus und große Bögen bestimmen das Geschehen, die Affekte werden eher plakativ denn minimalistisch und subtil andeutend behandelt. Die schöne, dunkel timbrierte und viele Farbschattierungen treffende Stimme von Hagar Sharvit ist wie geschaffen für das breiteste Spektrum an Farben, Reizen und Emotionen.
Die auch dem Kenner vermutlich unbekannten „Quatre poèmes d‘apres l‘Intermezzo de Heinrich Heine“ von Guy Ropartz sind ebenfalls vier intensive Ausdrucksszenen voller dunkler Glut und der Evokation einer schwärmerischen Verzweiflung. Das Klavierspiel von Daniel Gerzenberg forcierte die Härte und Abgehacktheit, ja die Atemlosigkeit des Geschehens, ließ keinen Raum für melodische Bögen oder beschwichtigendes Legato. Hagar Sharvit sang diese Ausdrucksstudien, die formal nur noch am Rande „Lieder“ sind, sinnlich, lodernd, intensiv und packend.
Volkstümlich spanisch bis hin zum Plakativen sind die „Siete Canciones populares Espagnolas“ von Manuel die Falla. Von den sieben Liedern, die alle großen Regionen Spaniens folkloristisch abdecken, sang Hagar Sharvit zur Freude des Auditoriums fünf. Alle fünf transportieren einen je ganz eigenen Rhythmus und Ausdruckscharakter, aber alle fünf zeichnet in hohem Maße das positiv „Populäre“ aus. Solche Musik gräbt sich durch die einfachen Melodien schnell ins Gedächtnis ein und die munteren Rhythmen gehen in die Beine. Die sympathische Sängerin zeigte sich hier ganz ungekünstelt und ganz der mitreißenden Musik hingegeben: ganz große Kunst!
