OLDENBURG - Wenn man weiß, wie genial Felix Mendelssohn Bartholdy den Römerbrief in seiner Sinfonie-Kantate „Lobgesang“ vertont hat, in dem es heißt: „Und ergreifet die Waffen des Lichts!“ (was ein menschheitsbezogenes Licht meint); wenn man hört, mit welcher Genauigkeit und Emphase der riesige gemischte Chor die komplexe Vielstimmigkeit dieser „Botschaft“ zu singen versteht – dann verblassen strittige Fragen nach dem musikalischen Rang dieses „Zwitters“, dieser romantischen Formenverschmelzung von Sinfonie und Kantate.
Die vereinigten Chöre – der Schulchor der Graf-Anton-Günther-Schule Oldenburg und der Graf-Anton-Günther-Kammerchor – waren perfekt einstudiert, flexibel und ausgeglichen im Klang aller Lagen. Sie erfüllten, dank reich gestufter Dynamik, Beweglichkeit der Diktion und subtiler Wechsel der Tempi, Ausdrucksbezirke von weihevoller Empfindung, exzessiver Dramatik und hymnischem Glanz, sie erreichten aber auch Klarheit des polyphonen Gefüges ganz souverän.
Engagement und Elan
Werk und Wiedergabe erhielten bewegende Ausstrahlungskraft, und wenn es dennoch kleine Anflüge von Verschwommenheit gab, so lag das an der Akustik des Raums. Dagegen wird auch der umsichtigste Dirigent – in diesem Fall Oliver Dierks, der von Anfang bis zum majestätischen Ende für angemessene Spannung sorgte – nichts ausrichten können.
Der erstmals verpflichteten Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg wird man, was Engagement und Elan, Intonation und Klarheit der Zeichnung vor allem der kultivierten Bläser betrifft, das beste Zeugnis ausstellen dürfen.
Auch die Solisten ließen keinen Wunsch offen: Helen Rohrbach mit empfindungsreichem und kraftvollem, auch in hoher Lage wunderbar leuchtendem Sopran; die Sopranistin Katharina Melloh mit etwas kleinerer, angenehm klarer, in Technik und Ausdruck höchst anpassungsfähiger Stimme; Martin Platz mit stil- und klangvollem, ebenmäßig geführtem Tenor, der auch im dramatisch-düsteren Ausdruck bedeutende Strahlkraft erreicht.
Packende Darstellung
Zwei kleine, kaum bekannte Mendelssohn-Werke für Sopran, Chor und Orchester bereicherten das Konzert: das Kyrie d-Moll, dessen lyrisch-pathetischer, in die Nähe des Mozart-Requiems weisender Tonfall bemerkenswert gut getroffen war, und die Hymne „Hör mein Bitten“, in der sich – wie die packende Darstellung zeigte – zelebrierte Großflächigkeit des Chorparts mit Ariosem, Rezitativischem, Liedhaftem des Sopran-Solos wirkungsmächtig verbindet.
Das begeistert akklamierte Konzert, in dem die rund einstündige Sinfonie-Kantate „Lobgesang“ (2. Sinfonie B-Dur) natürlich im Mittelpunkt stand, wurde am Sonntag wiederholt. Fazit: In eine solche Arbeit sollte man weiterhin investieren. Man wird belohnt.
