Oldenburg - Musik ist für Alexis Kossenko eine Variante von Extremsport. „Man muss als Musiker und Hörer diese Gefahr fühlen, die in ihr liegt, in der Unmittelbarkeit ihres Entstehens”, sagt der Dirigent und Soloflötist aus Paris.

„Man weiß nicht, ob man lebend da heraus kommt.” Uiuiui! Eine Schleudertour sozusagen zwischen Erschrecken und Entzücken, zwischen Genuss wie von saurer Milch mongolischer Yak-Kühe und dem Feststellen von sechs richtigen Zahlen auf dem Lottozettel.

Start zur aktuellen Herausforderung: Diesen Sonntag, 2. Dezember, um 19.30 Uhr im Großen Haus des Staatstheaters. Das Staatsorchester ist „à la francaise” gestimmt. Es legt Ausschnitte aus sechs Opern von Jean-Philipp Rameau und ein Flötenkonzert von Jean-Marie Leclair auf. Kossenko (41) führt dann in Steilwände hinein und durch Schluchten.

Wer könnte das besser als dieser Praktiker vom Centre de Musique Baroque de Versailles, mit dem die Oldenburger am 24. Februar die Ballett-Oper „Les Paladins” als Coproduktion herausbringen? Er ist 1. Flötist im Orchestre des Champs-Elysées, einem den besten der Welt, und Dirigent des Barock-Ensembles „Les Ambassadeurs“.

Rameau liegt Kossenko am Herzen, im Blut und rüttelt ihn ein bisschen am Nationalstolz. „Die Italiener haben Europa damals um 1700 mit ihrer Musik geflutet”, führt er aus. „Ihr formell gradliniger und emotional eingängiger Stil war eben en vogue.“ Ein Franzose selbst vom Format Rameaus kam wenig über die Grenzen der Grande Nation. Zum Unterschied muss der Dirigent nur auf den Ablauf von Rezitativen und Arien verweisen: „Bei den Italienern diente der lockere Sprechgesang eher der Überbrückung des Leerraums vor der Arie. Bei den Franzosen verbindet das Rezitativ die Handlung mit der Arie und der Sprache. Der deklamatorische Stil treibt das Drama an.“ Das hat konventionelle Hörer damals verwirrt. Längst kenn man Rameau als Weltmann. Er ist für die Bühne einer der Großen, weil er Charaktere treffend umreißt, weil er Situationen dramatisch zuspitzt, weil seine Musik Personen und Stimmungen plastisch macht. Die Anforderungen an Sänger (hier Martyna Cymerman) und Instrumentalisten sind enorm. „Für mich ist Rameau auch Impressionist, Expressionist und Realist”, sagt Kossenko lächelnd.

Spezielle Spieltechniken sind ebenso gefordert wie etwa das Einhören in den Nachdruck der tieferen Stimmen. Stücke aus „Les Indes galantes”, „Platée” oder „Le Temple de la Gloire” wie hier fetzt man nicht einfach mal so herunter. Dem Staatsorchester ist historisch orientierte Aufführungspraxis durchaus nicht fremd. Aber es hat ein gefährliches Wochenende vor sich. Karten gibt es an der Theaterkasse, unter t  2225111 und online über: