Oldenburg - Was eingängig und gut verdaulich in der Musik ist, ruft leicht bedenkende Geister auf den Plan. Doch in der voll besetzten Lambertikirche ist Naserümpfen nicht angebracht. Hier sorgen Giacomo Puccini mit seiner jugendlichen „Messa di Gloria“ von 1880 und John Rutter mit seinem konzertähnlichen dreisätzigen „Gloria“ von 1974 für direktes Glück. Diese Musik huscht zwar schnell in das eine Ohr hinein – aber nicht ebenso fix aus dem anderen wieder heraus.

Entdeckerfreude und Musikgenuss gehen Hand in Hand. Der Anteil der Interpreten ist sehr groß. Kantor Tobias Götting motiviert den Lambertichor, Solisten und die Sinfonietta Oldenburg zu einem geradezu mitreißenden Erlebnis. Der Glanz des ohnehin Strahlenden bekommt noch eine Unze Goldgewicht mehr verpasst.

Über die opernhafte Messe, Puccinis Examensarbeit, fällt das Urteil in St. Lamberti eindeutig aus. Die dreiviertelstündige Vertonung der lateinischen Textvorlage ist in ihrer Entstehung tief religiös empfunden und elektrisiert in ihrer Ausführung. Es klingt zwischendurch sogar mal kräftig nach Verdis Gefangenenchor (40 Jahre vorher entstanden). Das Agnus Dei beglückt mit einem zauberhaft innigen Chor. Dafür steckt das Credo voller theatralischer Effekte. Und die Fuge „Cum sancto spiritu“ im Gloria entwickelt dramatische Wucht.

All diese Gewichtungen auszutarieren, das gelingt Götting überwältigend. Er reizt natürlich die Kontraste aus, aber er bindet Gegensätze vollkommen in das Fließende ein. Der Gloria-Teil ist immerhin länger als der gesamte Rest. Damit steckt er auch das zum großen Teil aus dem Staatsorchester gebildete Instrumental-Ensemble an.

Chorstimmen und Instrumentalklänge setzen sich logisch voneinander ab, fließen ineinander oder wallen brausend auf. Der große Lambertichor mit seinen Soloterzetten der Männer (bei Puccini) und Frauen (bei Rutter) wirkt äußerst inspiriert. Er intoniert und artikuliert perfekt, staffelt den Klang vollkommen. Die Stimmen recken sich auf und strahlen das liturgische Gerüst voll an. Daniel Jenz (Tenor) und Sebastian Noack (Bariton) fügen sich mit einem Timbre von Verkündigung wirksam ein.

Alle Chöre lieben Rutter, und der Oldenburger spürbar das knapp 15-minütige „Gloria.“ Der Brite nimmt Sängerinnen und Sänger herausfordernd heran, ohne sie zu überfordern. So faszinieren rhythmisch vertrackte Passagen oder hämmerndes Fortissimo ebenso wie innigstes Piano. Den Blechbläsern bereiten die kompakten Ausbrüche und der jazzige Drive wahre Freude.

Überhaupt: Dieses ganze gloriose Konzert wird zum reinen Genuss, und der ist keineswegs oberflächlich.