OLDENBURG - Vorsichtshalber verabschiedet sich Lydie Auvray schon einmal vor dem letzten offiziellen Lied: „Sonst vergesse ich das hinterher womöglich noch!“ Da hat die große Dame des Akkordeons prompt die Rechnung ohne das begeisterte Publikum im Kleinen Haus gemacht. Sie muss mit ihren vier Musikern von „Les Auvrettes“ noch ein paar Mal ran. Da bleibt ihr nur ein ganz nachdrücklicher Abschied. Wenn sie den vergisst, kommt sie nie von der Bühne runter.
Es zählt zu den Merkmalen der in Köln lebenden Französin, ihr Programm mit derart banal-pfiffigen Pointen zu garnieren. Und wenn sie ein Plädoyer für ihr Instrument hält, jenes „Klavier der armen Leute“, dann beschließt sie es entwaffnend mit der Schlussfolgerung: „Sie können sich doch wohl kaum vorstellen, dass ich Fagott spiele.“
Auch nach 30 Bühnenjahren bezirzt die Auvray ihre Zuhörer mit einer Musikmischung, in der sie sich einerseits in vertrauter Umgebung wähnen, sich andererseits aber durch Neuheiten angeregt fühlen. „Noch ganz frisch“ seien jene Kompositionen, die sie neben die Ohrenkitzler „Der vierte Mann“ oder „Tango normand“ stellt. Weniger kantig ist ihr französisierter Tango, viel weicher fließend als der südamerikanische.
Den absoluten Maßstab bilden ihre Musettes, jene schmalzlos gefühligen Walzer, in denen der angedeutete Hauch manchmal schärfer wirkt als ein pointierter Rhythmus. Den schlägt sie an, wenn sie beklagt, dass moderne Massenkultur die Identität kleiner Völker erstickt. Egal, welchen Ton sie wählt, welches Anliegen sie vorträgt, welchen Stil sie meisterhaft nutzt, ihrem weißen Akkordeon entlockt sie einen ganzen Kosmos von Emotionen. Das hat im Fernsehen schon zu musikalischen Vertiefungen von der „Sendung mit der Maus“ bis zur „schnellen Gerdi“ mit Senta Berger gereicht.
Natürlich polieren ihre vier Männer am Glanz der „Soiree“ mit: Harald Heinl (Schlagzeug/Perkussion), Eckes Malz (Keyboards), Gigu Neutsch (Bass) und Markus Tiedemann (Gitarre). Doch zwischendurch zeigt Lydie Auvrette auch, wie ihr Akkordeon „pur“ klingt, leicht schwebend melancholisch ebenso wie aufbrausend lebensfroh. Man ertappt sich sogar beim Gedanken: Selbst mit Akkordeon solo wäre es bei Lydie nicht langweilig geworden.
