OLDENBURG - Die Wahrheit ist eine Chimäre. Jedem erscheint sie in anderer Gestalt, keiner bekommt sie wirklich zu fassen. Wer das Konzert von Senza replica, der „Bläserphilharmonie Varel“ jetzt in Oldenburg auf dem Fliegerhorst der Stadt erlebt hatte, der konnte der Wahrheit mehrfach aufgefächert begegnen: Zunächst als der des Faktensammlers. Dieser erwähnt Titel („Faszination Tanz. Ein musikalischer Streifzug durch magische Welten“), vergisst keinen Beteiligten (die Bläserphilharmonie unter Leitung von Friedhelm Stahl, die Tanzgruppen „Irish Dance Company Wilhelmshaven“ und „Passion Formation“, die Tangopaare, die Moderation: Martina Muhr), listet die Programmpunkte auf (unter anderem eine Smetana-Polka, Borodins Polowetzer Tänze, vier Tänze aus der „West Side Story“) und vermerkt auch die Zahl der Zugaben (drei).

Die Wahrheit des begeisterten Besuchers – sie war die weitaus vorherrschende an dem Abend – ruft „Bravo“ und „Zugabe“. Sie reißt es zum Schlussapplaus aus den Sitzen. Vorher fand sie Gefallen am satten Sound, an mitreißender Wucht, an der Geschlossenheit des gewaltigen Klangkörpers, an der elegant-alerten Leitung des Dirigenten. Martina-Muhr-Sätze wie „Tanzen ist Träumen mit den Beinen“, ein Mitteregger-Zitat, goutierte das Publikum; von der Frische und Buntheit der Tanz- und Stepptanz-Darbietungen war man schlichtweg entzückt.

Noch auf dem Weg zum Wagen wollte nach dem Konzert das schwärmerische Lob über Musik und Mädchen ein Ende nicht finden. Da schwieg dann auch der sauertöpfische Musikkritiker, dem es mitunter doch etwas zu hölzern, zu eckig, zu laut war.

Senza replica, diesem engagierten Bläser-Orchester aus Friesland, war es gelungen, für dieses Konzert die Halle 10 des Fliegerhorstes zu erobern. Und nicht nur die Halle, sondern auch das Publikum.