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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Wenn man sich schämt, Journalist zu sein

09.03.2018

Oldenburg Für diesen Film wünschen wir uns einen deutschen Helden. Einen, der knallhart entscheidet. Einen, der das Geiseldrama früh beendet. Einen, der nicht zaudert. Aber 30 Jahre nach dem Gladbecker-Geiseldrama wissen wir: Diesen Helden gab es 1988 nicht.

Der erste Teil von „Gladbeck“ zeigte am Mittwochabend in der ARD das Zögern und Zaudern der Polizei auf der einen und Anarchie und Chaos bei den flüchtigen Verbrechern Degowski und Rösner auf der anderen Seite. Regisseur Kilian Riedhof („Der Fall Barschel“) legt gleich mit dem Bankraub in Gladbeck los. Er lässt den 90-Minuten-Streifen nicht wie einen herkömmlichen Thriller, sondern fast wie einen Dokumentarfilm wirken: mit Einblendungen von Uhrzeit und Tag, mit historisch authentischer Kleidung und personeller Ähnlichkeit bis ins Detail der Körpersprache – was zeigt, dass wir bis heute nichts vergessen haben.

Den späteren Todesopfern – der 1. Teil endet mit der Kaperung des Linienbusses in Bremen/Huckelriede - gibt man wohltuend Gesicht und Geschichte: dem 15-jährigen De Giorgi und der jungen Silke Bischoff. Der glänzend und spannend gemachte Film bietet hochkarätige Darsteller auf, darunter Ulrich Noethen als obersten Polizeizauderer und Martin Wuttke als hilflosen Bremer Polizeichef.

Die Angst der Geiseln, die brutale Wildheit der Täter, die inkompetente Polizei – das wird alles aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, mit nervenzermürbender Musik untermalt und mit temporeicher, gekonnter Kamera eingefangen. Das gilt auch für das damalige Fehlverhalten des Pressepulks – man schämt sich nachträglich, Journalist zu sein, wenn das Blitzlichtgewitter der gaffenden Fotografen nicht enden will.

Das Beste an diesem Film? Dass er die Mörder nicht stilisiert, ihnen so wenig Raum wie möglich gibt. Dass er uns erschüttert. Ein Film in Spielfilmqualität. Das Beste im deutschen Fernsehen seit langer Zeit. Bleibt nur die Frage, ob es heute in ähnlicher Situation einen Helden gäbe, der das Grauen früh beenden würde. Sicher sind wir uns da nicht.

Der zweite und letzte Teil von „Gladbeck“ wird an diesem Donnerstagabend um 20.15 Uhr im Ersten gezeigt.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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