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Kultur Ein deutscher Star, der keiner wurde

Klaus Fricke

OLDENBURG - Die „Klingende Post“ kam zwar nicht hoch auf dem gelben Wagen, aber Eindruck auf Heinz-Günther Hartig machte sie trotzdem, damals im Frühjahr 1960. Die „Klingende Post“ war der Titel einer kostenlosen Werbeschallplatte, die die Eltern des damals achtjährigen Oldenburgers im Musikgeschäft in der Innenstadt erhalten hatten. Nun durfte der kleine Günther den Musikhäppchen auf der Platte lauschen – und eines faszinierte ihn ganz besonders: ein Jazzstück, gesungen von einer gewissen Inge Brandenburg.

52 Jahre später: Heinz-Günther Hartig freut sich erneut auf Inge Brandenburg. Deren Lebensgeschichte ist Thema eines Dokumentarfilms, der ab 22. März im neuen Mini-Kinoraum des „Casablanca“ läuft. Eine knapp zweistündige Doku über eine deutsche Jazzsängerin, die heutzutage nahezu unbekannt ist? Es muss offenbar etwas passiert sein in der Zwischenzeit.

Passiert ist eine pralle Geschichte von Erfolg und Misserfolg, von künstlerischem Anspruch und finanziellem Desaster. Inge Brandenburg, 1929 in Leipzig geboren, flüchtete 1949 aus der DDR nach Süddeutschland und entdeckte sich quasi selbst. Inspiriert von Künstlern wie Peggy Lee, Frank Sinatra oder Judy Garland tingelte sie durch amerikanische Soldatenclubs in Bayern, sang Schlager und Swing – und fand bald Gefallen am Jazz. Und die Hörer fanden Gefallen an der Stimme mit ihrem unverwechselbaren dunklen Timbre.

Ihre Kunst brachte Inge Brandenburg zwar 1958 die Teilnahme am deutschen Jazz-Festival in Frankfurt und 1960 den Titel „Europas Jazzsängerin des Jahres“ beim Festival in Antibes/Frankreich ein – die Plattenfirmen aber wollten sie nicht als jazzige, sondern als leichte Muse. Brandenburg dagegen wollte Jazz. Nach vielen Streitereien, Alkoholeskapaden, diversen Wechseln der Plattenfirmen und einem – verlorenen – Prozess, in dem Brandenburg 1965 eine ihr vertraglich zugesicherte Jazzaufnahme erzwingen wollte, galt sie in der Branche als „verbrannt“. Auch Versuche als Schauspielerin und als Sängerin religiöser Texte änderten nichts mehr. Inge Brandenburg, die Frau mit der vielleicht vielseitigsten Stimme ihrer Zeit, verstummte Mitte der 70er Jahre.

Das änderte sich erst 1991, als das Bremer Plattenlabel Bear Family eine Retrospektive der fast vergessenen Künstlerin wagte. Plötzlich schrieben Kritiker vom „Höhepunkt deutschen Jazzgesangs“, einer „Jahrhundertstimme“ und einer „Stimme, die die Seele berührt“. Und auch Heinz-Günther Hartig erinnerte sich der Faszination, die die Sängerin einst auf ihn ausgeübt hatte. Inzwischen Herausgeber des „Rock’n’Roll Musikmagazins“, knüpfte der Oldenburger telefonisch Kontakt zu Inge Brandenburg und erfuhr von ihren Comeback-Plänen. Die erschöpften sich allerdings in einigen Auftritten in München. Als Hartig 1996 dann Inge Brandenburg erstmals persönlich traf, war sie immer noch voller Ideen. „Sie war sehr lustig und offen, ein positiver Mensch“, erinnert er sich an die Begegnung mit dem Star, der keiner wurde. „Inge Brandenburg hat immer geglaubt, dass Schlager nicht ihr Ding sind, dass sie mit dem Jazz mehr Erfolg gehabt hätte. Sie war wohl ihrer Zeit weit voraus,“ sagt Hartig. Drei Jahre später starb Inge Brandenburg, die 1958 als Mitglied einer Schlagerrevue auch einmal in der Weser-Ems-Halle auftrat, völlig verarmt in einem Schwabinger Krankenhaus.

Heinz-Günther Hartig, dessen Hobby eigentlich der Rock’n’Roll ist, sammelt seitdem auch die Songs der Jazzsängerin aus München. Bis auf die Single „It’s allright with me“ ist er komplett – einschließlich des Kurzauftritts von Inge Brandenburg auf der „Klingenden Post“.

Der Dokumentarfilm

„Sing, Inge sing – der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg“ wurde im Sommer 2011 beim Filmfest Emden uraufgeführt. Vom 22. März bis zum 4. April läuft der Streifen nun erstmals in Oldenburg im „Casablanca“-Kino.

Regisseur

Marc Boettcher, der bereits ähnliche Filmprojekte über die Sängerinnen Alexandra und Gitte Haenning sowie die Band Rosenstolz veröffentlicht hat, begann im Jahr 2005 mit dem Brandenburg-Projekt. Auslöser war die Begegnung mit dem Münchner Thomas Rautenberg, der den Nachlass der Sängerin (Fotoalben, Autogrammkarte und anderes) auf dem Sperrmüll gefunden hatte. Wichtige Informationen zum Film erhielt Boettcher auch von dem Oldenburger Sammler Heinz-Günther Hartig.

Erfolg

auch für die Filmmusik: Die CD „Sing, Inge, sing“ wurde am 15. Februar mit dem „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ ausgezeichnet – eine späte Würdigung der Kunst von Inge Brandenburg.
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