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NWZonline.de Nachrichten Kultur

„Ich war so schrecklich gerne bei Ihnen“

19.12.2018

Oldenburg Nordwestdeutsche Provinz klingt in diesem Fall ganz falsch: In der Weimarer Republik, nur für ein paar Jahre, versammelte sich in Oldenburg, fernab der kulturellen Zentren, die Avantgarde jener Zeit. Hier gaben sich Schriftsteller wie Erich Kästner, Gottfried Benn und Bert Brecht, Musiker wie Paul Hindemith, Maler wie Karl Schmidt-Rottluff und Ausdruckstänzerinnen wie die berühmte Palucca quasi die Klinke in die Hand. Und da sie sich alle in einem Gästebuch verewigt haben, kann man das noch heute nachlesen.

In die Stadt geholt hatte sie der Jurist und Sammler Ernst Beyersdorff (1885–1952), der in Oldenburg die Vereinigung für junge Kunst gegründet hatte. Dazu legte er eigens 1922 ein Gästebuch an und bat unter der Überschrift „Schreibt und ihr habt gegeben“ um Einträge. Ein besonderer „Glücksfall“ ist es für Dr. Rainer Stamm, Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, dass Beyersdorffs Ehefrau Hannelore das Gästebuch bis zu ihrem Tod 1985 gehütet hat und dass es für die Sammlung des Landesmuseums erworben werden konnte.

Gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Gloria Köpnick gelang es Stamm, fast alle Unterschriften zu entziffern und die Einträge in den jeweiligen historischen Zusammenhang zu stellen. Abgedruckt ist das Ganze in dem Buch „Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte, Band 3. Beiträge zur Kunst“.

Das Gästebuch ist ein kostbares Erinnerungsstück. Obwohl verzierende Zeichnungen oder Aquarelle eher selten auftauchen – einer der wenigen Hingucker ist das farbige, vom Dangaster Maler Franz Radziwill (1895–1983) gestaltete Titelblatt –, sehen Stamm und Köpnick in dem Büchlein weit mehr als bloß eine Ansammlung von Autographen. Als Denkmal und Destillat einer kulturgeschichtlich bedeutenden Epoche verkörpere es die Geschichte der Oldenburger Vereinigung für junge Kunst.

Um das bestätigt zu bekommen, muss man nur ein bisschen blättern. So hat etwa der Schriftsteller Alfred Döblin (1878–1957) am 15. November 1928 in Oldenburg aus „Berlin Alexanderplatz“ gelesen, noch bevor sein Roman 1929 in Berlin erschien. „Heute würde man vielleicht von Preview sprechen“, kommentiert Stamm.

Auch einige der Fotos sind erstaunlich, etwa die eingeklebte Autogrammkarte des schmächtigen Bertolt Brecht (1898–1956), der am 14. Januar 1927 im Schloss las. Damals war er noch keine 30, aber Beyersdorff hatte offensichtlich das Ziel, alle Facetten der Moderne, wie sie sich in der Weimarer Republik zeigten, in die Stadt zu holen.

Es war die Zeit, in der Alban Bergs Oper „Wozzeck“ im Landestheater Oldenburg unter der Intendanz von Hellmuth Götze (1886–1942) auf die Bühne kam. „Ein Zeichen, ,Wozzeck‘, für die Freiheit der Kunst“, schrieb dieser 1929 ins Gästebuch. Erich Kästner (1899–1974), der am 13. Januar 1931 zu einer Lesung nach Oldenburg kam, verewigte sich mit einem später berühmt gewordenen Gedicht: „Was auch geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man Euch zieht, auch noch zu trinken.“ Ausdruckstänzerin Gret Palucca (1902–1993) schrieb nach ihrem Auftritt 1932 begeistert: „Ich war schrecklich gerne hier bei Ihnen.“

Wenig später, im Frühjahr 1933, sah sich die Oldenburger Vereinigung für junge Kunst unter dem steigenden Druck der Nationalsozialisten gezwungen, sich nach elfjähriger Tätigkeit aufzulösen. Den letzten Eintrag schrieb Gottfried Benn. Am Abend des 30. Januar 1933, dem Tag der nationalsozialistischen Machtergreifung, las er vor 45 Zuhörern. Es war die letzte Veranstaltung der Vereinigung für junge Kunst.

Im ersten Nachkriegseintrag aus dem Jahr 1946 heißt es: „Also – fangen wir wieder einmal an!“ Das kulturelle Leben ging weiter, aber weniger hitzig. Die Vereinigung wurde nicht wieder ins Leben gerufen.

Regina Jerichow
Stellv. Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2061

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