OLDENBURG - Entweder mit schwerem Gerät oder nur mit zarter Kreide macht sich der Hamburger Künstler Wulf Kirschner ans Werk. Vollkommen unterschiedliche Arbeitsutensilien, mit denen er dennoch ähnliches erschafft: geometrische Stahlskulpturen, die dicht an dicht mit Schweißnähten bedeckt sind, so dass die Quader, Würfel und Pyramiden aussehen wie archäologische Fundstücke mit verschlüsselten Botschaften. Oder aber Frottagen, bei denen er die erhabenen Nähte seiner Skulpturen mit Kreide auf Papier abrubbelt. In beiden Fällen ist die weiche Linie, die sich zu einer Art archaischer Handschrift formt, das gestalterische Element.

Nicht immer bilden seine eigenen Skulpturen die Grundlage: Für eine Werkgruppe ging Kirschner (Jahrgang 1947) im Jahr 2001 auf den jüdischen Friedhof in Hamburg-Altona, um dort Frottagen von den Grabsteinen zu machen. Wieder war die Linie entscheidend, das skripturale Element, denn der Künstler ist weder des Hebräischen mächtig, noch kann er die jüdische Schrift lesen.

In Oldenburg waren diese Arbeiten genau der passende Anknüpfungspunkt, um während der jüdischen Kulturtage eine Ausstellung in der Landesbibliothek zusammenzustellen. Dazu wurde eigens in einem verglasten Schrank des Tresors eine Thora-Rolle von der Jüdischen Gemeinde zur Verfügung gestellt, die mit einem Kirschner-Quader davor korrespondiert: Hier die echte Schrift, dort die geschweißten Nähte, mit denen der Stahl „beschriftet“ wurde.

Und an den Wänden schließlich die Grabstein-Frottagen: Mal kräftig, mal hauchfein treten die Zeichen hervor, wie eine schwache Erinnerung, eine Mahnung an die Endlichkeit des Lebens in der unendlichen Linienstruktur, die mitunter gar nicht mehr abstrakt wirkt: Mittendrin taucht der deutsche Name Hans Neumann auf.

Die Frottagen von den Skulpturen im Stockwerk darunter weisen in die Stadt hinaus zum Original: Vor dem PFL, zwischen der neuen Synagoge und dem Standort der alten, steht ein stählernes Buchobjekt, in dem Form und Linie schließlich eine Einheit bilden, so sehr, dass Betrachter versucht sind, die stotternden Schweißnähte wie Blindenschrift mit den Fingern zu entziffern.

Entstanden sind die Skulpturen vorwiegend auf der Werft Blohm & Voss, wo Kirschner „ein Eckchen“ freigeräumt wurde, damit er unter industriellen Bedingungen schweißen und in der Kaffeepause mit den Werftarbeitern fachsimpeln kann, etwa über die ärgerliche „Schrumpfspannung“. „Wenn der erhitzte Stahl abkühlt“, erklärt der Künstler und Handwerker, „verwirft er sich.“ Auf der Werft werde dann schon mal Gewalt angewendet, Kirschner aber lebt damit. Denn der Stahl, sagt er, „ist mein Mitgestalter“.