OLDENBURG - Gibt es den typischen Künstler? Michael Ramsauer grinst. „Ich kann Künstler, abgesehen von Ausnahmen, nicht ausstehen.“ Dabei hält sich der Maler die linke Seite. Gestern, beim Fußball auf Oldenburgs Dobbenwiese, wurde der große, athletische Mann übelst gefoult. Aber mehr als eine Prellung der Rippe scheint das nicht zu sein.
Ramsauer stammt aus einem alten Geschlecht des Oldenburger Landes, lebt und arbeitet in Berlin und Oldenburg. Sein Leben und Arbeiten als ruhig zu bezeichnen, wäre die Untertreibung des Jahres. Dabei wollte er tatsächlich mal Ruhe haben, vor Monaten. Ein Vierteljahr hatte er da auf Einladung im Auswärtigen Amt gemalt. Das Licht war im siebten Stock prima, schwärmt er. Der Berliner Atelier-Blick ging nach Süden, man sah Hochhäuser der Leipziger Straße.
Berlin ist ein Dorf
Zum Abschluss der drei Berliner Monate kreuzte medienwirksam der Hausherr auf. Außenminister Frank Walter Steinmeier (SPD) war im April 2009 begeistert. Aber Ramsauer wollte mehr, wollte Ruhe von eigener Unruhe. Reisen hatten ihn nach Korea geführt, Stadtbilder hatte er gemalt, beeindruckt von den Metropolen Seoul und Busan.
„Unglaublich war mir das Leben dort in Asien vorgekommen, unbegreiflich“, erklärt Ramsauer. „Groteske Massenmenschhaltung“ spiegelte sich auf seinen Bildern, Trainingskäfige im Schatten von Bürotürmen tauchten auf. Ramsauer schwankte zwischen Faszination und Abscheu: „Wer Seoul gesehen hat, weiß, Berlin ist ein Dorf.“
Damit war er aber auch mit dem urbanen Thema durch. Fand er das Altmeisterliche oder das Altmeisterliche ihn? Eines Tages kritzelte er auf dem Sofa sitzend herum. Seine beiden Töchter spielten wahrscheinlich in der Nähe. Plötzlich interessierten ihn Lichtwechsel, experimentierte er mit alten Techniken.
Schon wurde – immer schön frei – alles so gemacht wie bei den Alten. Der 40-Jährige entdeckte die Temperamalerei neu. Abschied von pastosen Ölmassen? Er bestellte sogar giftige Pigmente, farbgebende Substanzen, darunter Bleiweiß. Enorme Leuchtkraft konnte er mit dem Systemwechsel entfalten. Er wollte weg vom Expressionistischen, wurde weniger abstrakt. Nur wer sich ändert, bleibt sich schließlich treu.
Ausflüge in die Kunstgeschichte führten zu Zitaten aus der Kunstgeschichte. In den neuen Bildern sieht man gemütliche Putten. Zumindest aus der Ferne. Nah sind das schon mal fies grinsende Typen. Viele Damen bevölkern jetzt die knallbunten Bilder, eher leicht bekleidet, eine Asiatin hat gar ihren Schlüpfer vergessen. Wahrscheinlich war es aber der Maler.
Gesundes Kernobst
In nur vier, fünf Wochen seien die Bilder entstanden. Ramsauer hatte sich neben sich gestellt, wollte anders werden. „Das Doppelbödige macht mir Spaß“. Schon deutet er auf das große „Hesperiden“-Gemälde. Hesperiden waren Nymphen, die goldene Äpfel hüteten, die ewig junges Leben versprachen, woran man sieht, dass Kernobst gesund ist. Doch Ramsauer verfremdet die klassische Szene. Er verwirrt mit Lichtzonen, die wie Scheinwerfer einfallen. Stellenweise glaubt man, ein Foto vor sich zu haben. Indes, der Hintergrund könnte aus einem Gemälde der Frührenaissance stammen.
Bei Ramsauer lässt sich eben nichts in Schubladen packen. So einfach kommt man dem Maler nicht auf die Spur. „Meine Poolmädchen sind doch poppig – oder?“, lacht er. Und man weiß nicht: Lacht der einen an oder aus?
