OLDENBURG - Streng genommen passt der Kiosk am Melkbrink nicht mehr zu Farhad Faseli. Verpachtet hat er ihn schon seit zwei Jahren, nun wird er ihn auch noch verkaufen. Der 53-jährige Exil-Iraner, hat ein neues Kapitel in seinem Leben aufgeschlagen: Als Kabarettist war er gerade erst in Aachen, Amsterdam und Heidelberg zu erleben, am Sonnabend, 5. Juni, tritt er mit seinem aktuellen Programm „Die inneren Stimmen“ ab 20 Uhr auch in der neuen Klävemannhalle auf, mit Sonya Karaca und der Kabarettgruppe „SOFA“. Als Autor hat Faseli soeben sein drittes Buch im Isensee-Verlag herausgebracht: „Auf der längsten Straße der Welt“ heißt der schmale rote Band (7,80 Euro).
Es sind Kurzgeschichten über das multikulturelle Zusammenleben und das Leben an sich, kunstvoll, scharfsinnig und oft mit einem Augenzwinkern erzählt. Faseli entführt die Leser an ganz unterschiedliche Schauplätze: nach Toronto, in die Dönerbude, auf die Straße, in den Zug. Im Kern führt er dabei immer wieder Menschen, Begegnungen und Ansichten zusammen. Manchmal sind es Gedankenspiele, Reflexionen – immer mit einem enormen Gespür für die ihm eigentlich fremde Sprache, die er auch zwischen den Zeilen zum Klingen bringt.
Der studierte Agrarwissenschaftler, der sechs Sprachen spricht und als Kioskbetreiber nebenher ein psychologisches Fernstudium absolvierte, sieht das Schreiben als Selbstentfaltung. „Es tut mir gut, so, wie es meiner Frau gut tut, zu malen.“
Dass er etwas zu erzählen hat, konnte er bereits in seinem ersten Buch unter Beweis stellen: „Vom Kaspischen Meer bis zur Weser“ ist die Geschichte seiner Flucht, von Astara aus, der kleinen Hafen- und Heimatstadt am Kaspischen Meer. Von dort ist der „Halbpartisane“ mit seiner Frau Mahbubeh vor über 25 Jahren geflohen: über Aserbaidschan und Usbekistan landete die Familie 1988 zuerst in Ost-, dann in Westberlin. Erste Station war Bad Pyrmont, wo Faselis zweite Tochter geboren wurde – für den Vater ist es „einer der schönsten Orte in Deutschland“.
Aber Deutschland ist für den Flüchtling, in dem „natürlich ein iranischer Anteil lebendig ist“, eine gute Heimat geworden. Er sieht sich heute als „Deuraner – deutscher Inhalt mit iranischer Hülle“. Seine Erfahrungen waren fast alle gut. Faseli hat immer Arbeit gefunden, auch als Busfahrer für die A-Jugend von Essen-Kray. In Oldenburg startete er vor 18 Jahren in der Großküche von Monse, bevor er den Kiosk am Babenend und dann den am Melkbrink betrieb. Heute arbeiten er und seine Frau oft im benachbarten Restaurant „Castello“ mit. Farhad Faseli sagt: „Privat kochen wir oft iranisch, aber ich liebe auch die deutsche Küche, zum Beispiel Labskaus.“ Wenn er schöne Musik hören will, dreht er auch gerne mal „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens auf.
In seinem Kabarettprogramm, in dem er „als multiple kulturelle Persönlichkeit über sich selbst lachen kann, wenn es mal wieder Missverständnisse hagelt“, nimmt Faseli auch das Anspruchsdenken mancher Einwanderer aufs Korn. Er sagt: „Ich halte viele Sachen in Deutschland zwar für kritikwürdig, aber die Migranten müssten sich für ihre Integration mehr anstrengen, und nicht die Deutschen.“ Wer versuche, aus Deutschland nur „ein anderes Iran oder eine andere Türkei zu machen“ müsse sich fragen lassen, „warum er sein Land dann verlassen hat“. Perfekt könne es dort jedenfalls nicht gewesen sein.
