OLDENBURG - Ein überaus freundlicher, sympathischer, ja liebenswerter Mensch ist dieser Sten Nadolny. Aufmerksam, höflich, bescheiden – alles Adjektive, die einem einfallen, wenn man ihm zuhört. Nur in einem leistet er offenen Widerstand – gegen jedwede Form der Eile. Gemessenen Schrittes geht er aufs Podium, packt bedächtig seine Romane aus der schwarzen Aktentasche, setzt sich sehr gerade auf den Stuhl, schenkt sich („Ach, Wasser brauche ich auch noch“) seelenruhig ein Glas ein, nimmt nach kurzer Überlegung einen kleinen Schluck und beginnt zu lesen. Keine Sekunde zu früh.
Der 66-Jährige, der zu einer Lesung in der NWZ -Reihe „Begegnungen“ ins Oldenburger PFL gekommen war, ist ein Ausnahme-Autor. Nicht bloß, weil sein Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ wunderbare Literatur ist und der Buchtitel, wie Dr. Reinhard Tschapke, NWZ -Ressortleiter für Kultur, in seiner Einführung sagte, „sprichwörtlich geworden ist“, er scheint auch mit seinem Helden auf erstaunliche Weise verschmolzen zu sein. Nadolnys Bedächtigkeit entspricht der Langsamkeit des englischen Seefahrers und Polarforschers John Franklin im Buch. Wer bei der Lektüre noch kein Bild von ihm vor dem inneren Auge hatte – hier sitzt es.
Dabei könne es gut sein, sagt Nadolny freundlich lächelnd, dass Franklin gar nicht langsam war, „dass es nur eine hilfreiche Idee war, die ihm beim Leben geholfen hat“. Das werde man nie erfahren. Auf jeden Fall sei die Idee literarisch reizvoll gewesen. Und ebenso hilfreich: Allein mit dem 5. Kapitel – selbst die vier ersten waren noch nicht geschrieben – gewann er 1980 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Das Preisgeld aber, so Tschapke, verteilte er unter den teilnehmenden Kollegen, weil er den „schädlichen Wettbewerbscharakter“ der Veranstaltung nicht unterstützen wollte.
Geübter Tagträumer
Einen Abschnitt aus dem Bestseller setzt der Autor ans Ende der Lesung. Zuvor liest er eine Passage aus der „Geschichte des Funkers Ole Reuter“ aus seinem aktuellen Buch „Putz- und Flickstunde“, das ein langes Gespräch mit seinem Kollegen Jens Sparschuh über den Wehrdienst in der Bundesrepublik und der DDR ist.
Reuter ist auf seine Weise auch langsam: Er ist ein geübter Tagträumer, der bei langweiligen Bundeswehrübungen imaginierend vom Boden abhebt oder sich in selbigen eingräbt. Danach folgt etwas aus dem „Ullsteinroman“, eine Geschichte der Verlegerfamilie, mit der er einigen Menschen, „die sich sehr wacker und tapfer betragen haben“, ein Denkmal gesetzt habe, so Nadolny. Etwa dem langjährigen Verlagsleiter Emil Herz oder dem Reichskanzler Gustav Stresemann.
„Wer ein Buch zu schreiben hatte, konnte nicht auf Dauer verzweifeln“ – dieser Satz von John Franklin war letztlich die Überleitung zum Gespräch zwischen Tschapke und dem Autor, denn Nadolny, aus einer Schriftstellerfamilie stammend, wollte lieber „Bankdirektor werden, etwas Vernünftiges“. Daraus wurde nichts. Er schlug sich als Taxifahrer durch, arbeitete als Geschichtslehrer und als Aufnahmeleiter beim Film. Sein Umgang mit Sprache aber sei „leider“ seine einzige Begabung, sagt er, sodass er schließlich eingelenkt habe.
Medizin für Jugendliche
Eine weise Entscheidung, die das Publikum am Ende mit langen Schlangen quittiert, um sich Bücher vom Autor signieren zu lassen. Ein Zuhörer, Betreiber einer Holzwerkstatt, bedankt sich ausdrücklich für die „Entdeckung der Langsamkeit“. Für mutlose Jugendliche, die sich als zu langsam erachten, sei es eine Medizin, die man ihnen ins Ohr träufle.
Sten Nadolny lächelt – aufmerksam, freundlich und bescheiden.
