Oldenburg - Wie konnte es geschehen, dass ein einst so effektiv funktionierender Betrieb wie die Deutsche Bahn dermaßen aus dem Ruder gelaufen ist? Diese Frage treibt Arno Luik, Reporter beim „Stern“, schon lange um. Er ist eingetaucht in die, wie der er sagt, „bizarre Welt der Bahn“. Entstanden ist sein neuestes Buch „Schaden in der Oberleitung“, aus dem er auf Einladung der „Interessengemeinschaft für die Bürger und ihre Umwelt im Großraum Oldenburg“ (IBO) las und über die Entwicklung der Bahn und die Oldenburger Bahnthematik diskutierte.

Eigentlich fährt der 64-Jährige durchaus gerne mit der Bahn, ist viel mit dem Zug zwischen seiner Heimat auf der Schwäbischen Alb und seinem Arbeitsplatz Hamburg unterwegs. Umso mehr stellte er sich die Frage, „wie die Deutsche Bahn so aus dem Ruder laufen konnte, dass sie ihrem Auftrag aus dem Grundgesetz nicht mehr ausreichend nachkommt“. Denn die Bahn sei zwar ein weltweit, in mehr als 140 Ländern agierender Konzern, schaffe es in Deutschland aber nicht, Züge vernünftig fahren zu lassen. „2017 sind in Deutschland 140 000 Züge nicht gefahren – im Hochtechnologieland Deutschland“, kritisiert er. Bahnchef Richard Lutz sei zudem stolz darauf, wenn die Züge voll seien. Das sei auch kein Wunder, so Luik, denn mittlerweile führen 21 Prozent weniger Züge auf den Strecken der Bahn.

Der Ursprung der Misere liegt seiner Meinung nach in der Bahnreform und dem geplanten Börsengang der Bahn 1994. Seitdem seien eine Vielzahl an Gleisen und Grundstücken verkauft worden. „Wenn gefordert wird, dass mehr Verkehr auf die Schiene verlagert werden soll, ist das gar nicht möglich“, betont er. Waggons und Loks würden nicht mehr ausreichend gepflegt, ein Grund für die hohe Lautstärke im Bahnverkehr. An der Spitze des Konzerns säßen „Bahnazubis“, die, so berichtet er aus einer Zufallsbegegnung mit einem hohen Bahnmitarbeiter aus dem Personenverkehr, „keine Ahnung mehr davon haben, was an der Basis geschieht“. Und so mache die Bahn mittlerweile was sie wolle, auch gegen diejenigen, denen das Unternehmen als Staatskonzern eigentlich gehöre: den Bürgern.

Luik ist nicht unumstritten. Verbissen habe er sich in die Bahnthematik, weit über sein Spezialthema Stuttgart 21 hinaus, so die Kritik. Das Handelsblatt nennt sein Buch „Ein Buch für Bahnhasser – und nur für die“. Arno Luik stelle die richtigen Fragen, mache sich jedoch durch Allgemeinplätze und Halbwissen unglaubwürdig.

„Was die Bahn in Oldenburg macht, ist leider Standard“, sagt Arno Luik mit dem Blick auf den geplanten Ausbau der Stadtstrecke. Gütertrassen durch eine Stadt zu planen, das dürfe heute nicht mehr geschehen. „Meines Wissens darf in Deutschland kein Lkw und kein Pkw mit 100 km/h durch eine Stadt fahren – Güterzüge dürfen das“, so Luik. Dass Fakten geschaffen würden, bevor Genehmigungen vorlägen, sei normal, sagt er im Hinblick auf Arbeiten an der Bahnstrecke, die die DB als Instandhaltungsarbeiten gekennzeichnet hat. Sein Rat an die Oldenburger? „Weitermachen, alle Möglichkeiten ausschöpfen.“

Das Buch „Schaden in der Oberleitung. Das geplante Desaster der Deutschen Bahn“ ist Anfang September im Westend Verlag erschienen.

Lars Ruhsam
Lars Ruhsam Kanalmanagement