• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur

Autorin verarbeitet persönlichen „Brexit“

08.10.2019

Oldenburg Well, da sind viele Gründe, zu lieben Großbritannien: Da ist der distinguierte Satzbau zum Beispiel, der Fünf-Uhr-Tee, das Fairplay, vielleicht der Sinn für skurrilen Humor – Marmite gehört sicher nicht dazu. Der dickflüssige, merkwürdig salzige Brotaufstrich wird geliebt – oder gehasst. Als Neuprobierer, der Süßes erwartet und Saures bekommt, ist man nicht übel geneigt, diese Geschmacksverirrung als Ursache aller britischen Kalamitäten in Europa zu sehen. Well, andere Länder, andere Sitten.

Für Kate Connolly aber bedeutet Marmite ein Stück Heimat, das genau so zum gesunden britischen Frühstück gehört wie Bacon und gebackene Bohnen, Würstchen und Eier. „Nun, damit bin ich groß geworden“, sagt die Autorin, die 1971 in der Stadt Reading geboren wurde, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die Korrespondentin des „Guardian“ und des „Observer“ hat seit 1996 aus über 20 Ländern für die renommierten Zeitungen berichtet. Das Referendum ihres Heimatlandes, binnen drei Jahren die EU zu verlassen, war 2016 der tiefe Einschnitt ihres Lebens. Daraus entstanden ist das Buch „Exit Brexit. Wie ich Deutsche wurde“, aus dem Kate Connolly am 29. Oktober im Oldenburger Literatur- und Musikhaus Wilhelm 13 lesen wird.

Das Buch ist ihre persönliche Abrechnung mit dem herrschenden politischen System und eine therapeutische Maßnahme zugleich. Wenn es nach der Schriftstellerin gegangen wäre, hätte es niemals zu diesem Bruch kommen dürfen. Doch das Referendum 2016 stellte alles auf den Kopf: in der Europäischen Union, auf der Insel, in Kate Connollys Leben.

Bei der Ursachenforschung war ihr schnell klar: „Das Gefühl, durch diese physische Trennung vom Rest der Welt besonders begünstigt zu sein, ist bei vielen Briten stark ausgeprägt. Genau so wie ihre Überzeugung, dass Großbritannien anders und etwas Besonderes ist, eben weil es ein Inselstaat ist.“

Kate Connolly weiß auch, dass der britischen Gesellschaft gerade der Fugenkitt abhanden kommt – Marmite hin oder her. „Ich sorge mich wegen der sich verstärkenden sozialen Probleme. Die zunehmende Messerkriminalität unter Jugendlichen oder die steigende Gewalt in Partnerschaften sind dafür Indizien. In Zeiten totaler Vernetzung bleiben viele Menschen trotzdem einsam.“

Hier wirkt eine Fernsehserie „Downton Abbey“ als eine Parallelwelt, in der das alte, imperiale Großbritannien beschworen wird, und in die man flüchten könne, findet Connolly. „Gleichzeitig verstärkt es in mir die Angst, dass wichtige Themen vermieden werden, dagegen vieles trivialisiert wird.“

Dass sie die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat, war auch eine Art Trotzreaktion, ein Protest. „Ich sitze nun auf dem virtuellen Zaun zwischen Großbritannien und Deutschland und beobachte, was passiert.“

Allein ist sie mit ihrer Maßnahme nicht: Seit dem Brexit 2016 haben über 17 000 Briten die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. „Natürlich ist die britische Identität ein Teil von mir. Im Herzen fühle ich britisch.“ Doch sie räumt ein, dass sie ein paar Angewohnheiten ihrer Wahlheimat angenommen hat: „Wenn man hier ein Produkt kauft, informiert man sich bis ins Detail, studiert die Gebrauchsanweisung und die Inhaltsstoffe. Das gefällt mir.“ Und am Ende wüsste man, woraus Marmite besteht.

Oliver Schulz Redakteur / Kulturredaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2094
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.