OLDENBURG - Und immer wieder Charles Dickens; und immer wieder William Shakespeare: Es sind die beiden Größen der englischen Literatur, die dem Ich-Erzähler in der aktuellen Erzählung von Peter Waterhouse, „Der Honigverkäufer im Palastgarten und das Auditorium Maximum“ (Jung und Jung, 221 Seiten, 22 Euro), permanent beschäftigen auf seinen teils imaginierten, teils realen Spaziergängen durch Wien.
Wohnsitz in Wien
Die Schriftsteller begleiten ihn, geben ihm Orientierung und sind zugleich die Fixpunkte in der Erzählung, aus der der in Wien lebende Autor am Sonntag, 9. Januar, 11 Uhr, im Oldenburger Musik- und Literaturhaus Wilhelm 13 liest. Mit der Veranstaltung wird die Literatour Nord im neuen Jahr fortgesetzt.
Ausgangspunkt ist ein Auftrag. Der Ich-Erzähler, auch ein Wiener Schriftsteller, soll im Winter 2009 das Mondlanger Waldtal in Tirol besuchen und darüber schreiben. Doch der Auftrag hat einen Haken: Das Tal ist tief verschneit, von der Außenwelt abgeschnitten – ein Besuch des Schriftstellers ist unmöglich. Also begibt sich dieser auf imaginäre Spaziergänge – „Gedankenspaziergängen“ – schweift durch die Welt der Literatur, die komplexe Welt der Sprache und koppelt diese mit real erlebtem Wiener Stadtleben.
Flankiert wird der Flaneur dabei von den Wiener Studentenprotesten während der Bologna-Prozesse, begegnet Obdachlosen, die vom Ausbau des Wiener Südbahnhofs bedroht werden, oder wird Zeuge, wie eine alte Schule, die von den Studenten besetzt ist, geräumt wird. Doch diese Ereignisse, die der Protagonist am Rand als stiller Beobachter wahrnimmt, dienen ihm als weitere Ausgangspunkte für ein Abdriften in eine literarisch-philosophisches Gedankenkonstrukt.
Literarische Wanderung
Aus Wörter und Gedanken heraus entwickelt Waterhouse, der 1956 in Berlin als Sohn eines englischen Offiziers und einer Österreicherin geboren wurde und der über Paul Celan promovierte, ein engmaschiges literarisches Labyrinth, dem man immer wieder anmerkt, dass der Autor auch als Übersetzter arbeitet: So kann es durchaus passieren, dass der Protagonist seitenweise über die richtige Übersetzung eines englischen Wortes bei Dickens sinniert.
Auf diese Weise wird die Erzählung von Waterhouse eine literarische Wanderung fernab des Gewöhnlichen, in der jedes Wort tonnenschwer wiegt. Eine Wanderung in eine entschleunigte Welt, die so gar nicht den gängigen Mechanismen des modernen, komplexen Lebens entsprechen will.
