OLDENBURG - Der 62-Jährige ist ein literarischer Einzelgänger, allerdings ein sehr amüsanter. Im Oldenburger Kulturzentrum PFL las er Gedichte und aus seinem aktuellen Erzählband „Saint Tropez“.

Von Regina Jerichow

OLDENBURG - Nein, einen Beruf will er nicht haben, und die Bezeichnung „Lyriker“ will ihm gleich gar nicht gefallen: „Da stelle ich mir immer einen Mann vor, der nicht mehr richtig pissen kann.“ So viel ist gewiss: Wolf Wondratschek, der jetzt als Gast der NWZ -Reihe „Begegnungen“ in Oldenburg war, nimmt kein Blatt vor den Mund. Was nach Ansicht des 62-Jährigen auch erklärt, weshalb ihm seit 1967, als ihm der erste Leonce-und-Lena-Preis verliehen wurde, keine Auszeichnung mehr zuteil wurde.

Unverdientermaßen, wie der Leiter des NWZ -Kulturressorts, Dr. Reinhard Tschapke, im Kulturzentrum PFL betonte. Wondratscheks Werke gehörten „zum Besten, was je im deutschsprachigen Raum geschrieben wurde“. Der Autor selbst hält seine Texte dagegen „für nicht mehrheitsfähig“, scheint mit seinem Einzelgängertum jedoch einverstanden zu sein. „Ich habe es immer so gehalten: Der Cowboy reitet alleine.“

Eine Lesung mit ihm ist dennoch ein Vergnügen, pure Unterhaltung, und zwar nicht nur wegen der Qualität seiner Texte, nicht nur wegen des absolut Hörbuch-tauglichen Vortrags, sondern vor allem, weil Wondratschek eben Wondratschek ist. Ein Mann, der Mitte der 70er-Jahre als deutscher Rock-Poet berühmt wurde, der gar nicht abstreitet, zeitweilig in einem Bordell gewohnt zu haben, dessen weißes Hemd einen Tick zu weit aufgeknöpft ist und der das Boxen leidenschaftlich liebt. Obgleich er es ablehnt, die Frage nach dem Warum zu beantworten: „Da gerate ich immer ins Stottern.“

Reine Koketterie: Schon zu Anfang der Lesung hatte er verraten, dass er schon deshalb gerne von seinem Wohnort Wien nach Oldenburg gereist sei, weil es die Heimat des Ex-Box-Europameisters Hein ten Hoff war. Schließlich war es ein Kampf mit ihm, den er als Elfjähriger im Radio verfolgte und der seine lebenslange Faszination auslöste. Später macht Wondratschek keinen Hehl aus seiner Verehrung für Muhammad Ali, den er für einen „Poeten“ hält (ebenso wie den verstorbenen Profi-Boxer und Halbwelt-Liebling Norbert Grupe). Von Ali hat er einen Vierzeiler seinem eigenen Buch „Im Dickicht der Fäuste“ vorangestellt.

Überhaupt hätten es Vierzeiler in sich, sagt er und gibt seine mit Genuss zum Besten, schießt sie wie kleine Geschosse auf die Zuhörer ab: „Uns trennen Welten/tut mir leid,/ich wäre gerne dumm/und du gescheit.“ Und weil es ihm sichtlich Spaß macht, treibt er es bis zum kryptischen Einzeiler: „In meinen glücklichen Augenblicken fühle ich mich vom Aussterben bedroht.“

Leicht verschlüsselt erscheint auch seine wunderbare Erzählung „Der Feuerwehrmann“ aus seinem aktuellen Band „Saint Tropez“, in der die Titelfigur ganz plötzlich für die Musik Mozarts entbrennt und durch sie völlig verwandelt wird. Dabei arbeitet er mit bewusst eingesetzten Leerstellen, die sich dem letzten Verständnis entziehen. Schließlich sei Literatur nicht dazu da, „die Leute mit Storys zu unterhalten“, erklärt er rigoros. „Sie ist eine Sache der Sprache, die ihre Rätsel behält.“