OLDENBURG - Martin Walser macht wieder von sich reden. Diesmal wesentlich positiver als vor Jahren. Im Oktober 1998 hatte er in seiner Frankfurter Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels heftig die „Instrumentalisierung des Holocausts“ beklagt.
Auschwitz dürfe nicht zur „Moralkeule“ verkommen, sagte er. Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrats der Juden, warf Walser umgehend ein „Wegsehen“ vor. Prompt kam es zu einer scharfen bundesweiten Debatte. Walser wurde in die rechtsradikale Ecke gedrängt, dann und wann störten Chaoten sogar seine Lesungen.
2002 lehnte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) und besonders der Mit-Herausgeber Frank Schirrmacher den Vorabdruck des Walser-Romans „Tod eines Kritikers“ unter Verweis auf darin angeblich enthaltene antisemitische Tendenzen ab. Marcel Reich-Ranicki käme im Buch verschlüsselt als Person vor – als Gestalt einer völlig unredlichen Kultur-Szene.
Nun haben sich offenbar die Wogen geglättet. Kürzlich veröffentliche der „Spiegel“ einen Briefwechsel mit Walser. Und Walser hat nun einen neuen, politiklosen Roman mit dem Titel „Ein liebender Mann“ geschrieben. Der erscheint Anfang März und wird – Zeichen der Versöhnung zwischen der FAZ und ihm – in der FAZ vorabgedruckt. Walser erklärte umgehend die Auseinandersetzung mit der FAZ für beendet. Gegenwärtig produziert der NDR eine Leseserie mit ihm.
In „Ein liebender Mann“ geht es um Goethes letzte große Liebe. Der Dichter (1749–1832) war da fast 72 Jahre alt. Er reiste zur Kur ins böhmische Marienbad und lernte dort die naiv-kokette Ulrike von Levetzow (1804– 1899) kennen, ein gerade 17-jähriges Mädchen.
Goethe entflammt sofort in großer Leidenschaft zur fast 50 Jahre jüngeren Frau. Blind vor Liebe wagt er es, um die Hand von Ulrike von Levetzow anzuhalten. Die Absage kommt höflich, aber sie kommt: „Das Fräulein hätte noch gar keine Lust zu heiraten“, heißt es.
Goethe erlebt eine derbe Niederlage. Schon in der Kutsche geht das Dichten los, es entsteht die berühmte „Marienbader Elegie“, ein wunderbares Klagelied über Liebe, Abschied und Tod, das Walser übrigens in seinem Roman über mehrere Seiten hinweg abdruckt.
Ulrike von Levetzow blieb bis an ihr Lebensende unverheiratet. Sie starb mit 95 Jahren als Stiftsfräulein.
