OLDENBURG - Klaus Modicks Helden verbindet in allen seinen Büchern, was zunächst negativ klingt, indes letztlich positiv ist: Es sind allesamt mehr oder weniger Verlierer. Die wirken durchweg sympathisch, weil sie zutiefst menschlich, reichlich fehlerhaft und ein wenig steif sind. Das gilt nun auch für Moritz Carlsen im neuen Buch mit dem etwas schwerfälligen Titel „Die Schatten der Ideen“.

Der Mann mittleren Alters, übrigens ein Autor wie der Verfasser des Romans, lebt in Scheidung, ist finanziell eher klamm, wird von einer Schreibblockade geplagt. Aus der privaten deutschen Tristesse rettet ihn eine Anstellung als US-Gastprofessor an einem College in Vermont. Dort spielt der größte Teil der Geschichte. Sie passt natürlich genau zur US-Präsidentenwahl, wird aber auch später noch interessieren.

In jener US-Pampa angekommen, in der Carl Zuckmayer als Exilant auf dem Bauernhof schuftete, stößt Carlsen auf alte Kladden. Sie erzählen das Leben eines deutschen Auswanderers: Der jüdische Historiker Steinberg flüchtete 1935 vor den Nazis und geriet in die Mühlen der US-Hexenjagd der McCarthy-Zeit. So weit, so übel.

Damit nicht genug, doppelt Modick die Geschichte. Auch sein heutiger Autor Carlsen wird bei Nachforschungen nach Steinberg während des zweiten Irak-Kriegs bespitzelt. Das geschieht in einer Zeit, in der sich die USA glühend patriotisch gebärden. Der Buchumschlag zeigt uns ein umgedrehtes Empire State Building. Daraus mag man einiges ableiten.

Nun lassen sich hysterische Kommunistenjagd, Terroristenhatz und Nazizeit nicht simpel vergleichen, und Modick tut gut daran, gar nicht erst diese billige Fährte zu betreten. Carlsen stolpert abenteuerlich, ja komisch durch seine Recherche. Putzig, wie er in Berlin ein US-Visum beantragt, seinen Koffer nicht in die Passstelle mitnehmen darf, das Ding im Gebüsch verstaut, von der möglichen Sprengung desselben per Polizei informiert wird und das Gepäckstück entnervt beim Döner-Mann an der U-Bahn-Station lässt. Allein die Suche nach Massenvernichtungswaffen im Handgepäck am Flughafen, die einen Nagelknipser hervorzaubert, zeigt „amerikanischen Korrektheitsfanatismus“, der den deutschen noch übertrifft.

Carlsen revoltiert nicht dagegen. Er ist eher mit sich befasst, schwankend zwischen Selbstmitleid und Verstörung. Selbst kleine erotische Abenteuer mit einer Studentin erschüttern das Sensibelchen.

Modick hält die Fäden dieser deutsch-jüdisch-amerikanischen Geschichte gut in der Hand. Seine Stärken sind der Spannungsaufbau und der melancholische Grundton. Manchmal geht der Wechsel in den 33 Kapiteln zwischen damals und heute sehr regelmäßig vonstatten. Doch der Stil ist flott. So liest man auch über umständliche Passagen zur Philosophie Giordano Brunos hinweg, die zum Ende hin eine Rolle spielen.

Das Buch ist keine moralische Abrechnung. Modick stellt George W. Bush nicht vors literarische Gericht. Aber er schildert die Enge im Land der unbegrenzten Möglichkeiten so realistisch, dass wir Staunen über Kleinkariertheit oder dumpfe Härte gegenüber einer Normabweichung. Anders als Walter Kempowskis Roman „Letzte Grüße“, dem heiter-bitteren Abschied eines Autors auf USA-Reise, schwankt Modicks lesenswertes Werk zwischen den Genres: Es ist ein historischer Krimi, der als Gesellschaftsroman gute Unterhaltung bietet.

Immer schwingt mit: Möge Deutschland nie so werden, wie es die USA gerade sind! Davor bewahren uns bitte Bücher wie die von Modick.