OLDENBURG - Dass ein Museumsdirektor sich anschickt, unter die Märchenerzähler zu gehen, ist an sich schon ungewöhnlich. Noch erstaunlicher aber ist es, dass seine „neuen Märchen“ im alten Gewand daherkommen, nämlich in der altertümlichen Sprache des ausgehenden 19. Jahrhunderts, wo Kinder goldige „Köpfchen“ haben und Haare als „natürliches Gelocke“ über Hals und Schultern fließen.
Und doch ist das Buch von Friedrich Scheele keine verstaubte Märchensammlung, sondern ein Werk für Kenner und Liebhaber, die sich gern an ihre Kinderzeit erinnern. Womit schon klar ist, dass Erwachsene die Zielgruppe sind.
Ganz bewusst hat sich der Direktor der städtischen Museen in Oldenburg auf die Spuren der Gebrüder Grimm begeben, deren „Kinder- und Hausmärchen“ vor 100 Jahren zum ersten Mal erschienen sind und für die er seit seiner Zeit als Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Münster eine Affinität hat. Damals hat er an zahlreichen Forschungsprojekten zu den Gebrüdern Grimm mitgearbeitet.
„Das hat mich Jahre meines Lebens bewegt“, sagt er und begründet damit auch gleich seine „Lust am Artikulieren“ in dieser heute fremd anmutenden Sprache. Dennoch gelingt es Scheele durchaus, die eine oder andere Verbindung zwischen dem klassischen Wertekanon der Märchenwelt und der Moderne herzustellen, wenn auch verschlüsselt. Das „Teufelchen Nikotin“ etwa, das den Lehrjungen Fritz heimsucht, ist einerseits ein bösartiger Kobold, wie er schon in Grimms Märchen herumspukte, andererseits ein Plagegeist unserer Tage. Ähnliches gilt für das verzuckerte Reich der Königin Dulcisia, das sich unschwer mit den Verlockungen der modernen Konsumwelt gleichsetzen lässt.
Und schließlich sind da noch die Scherenschnitte von Klaus Beilstein, die dem Ganzen einen besonderen Reiz verleihen. Nicht etwa schwarz-weiß, sondern ganz bunt und kleinteilig verleiht Beilstein den zwölf Märchen eine weitere Assoziationsebene. Er habe für diese Arbeit ein „bisschen umschalten“ müssen, sagt er. Aber je länger er sich damit beschäftigt habe, desto mehr Spaß habe es ihm gemacht. Es geht halt nichts über Abwechslung: Kürzlich hat er noch einen Bus bemalt und nun Teufelchen für Scheele geschnitten.
