OLDENBURG - Traditionelle Buchkäufer mögen sich wundern: Ab 11. März finden sie in vielen Oldenburger Buchhandlungen neben den gewohnten Büchern ein elektronisches Gerät. Mehrere Unternehmen in der Stadt klinken sich in den dann beginnenden Vertrieb des „E-Book-Readers“ ein. Dabei handelt es sich um ein handliches Lesegerät, auf dem Bücher als digitale Dateien gespeichert und über eine neue Anzeigetechnik angeblich sehr komfortabel auf dem Bildschirm gelesen werden können. Für manchen Kulturpessimisten ist das äußerlich eher unscheinbare Gerät ein erneuter Anlass, den ebenso bekannten wie bis dato unerfüllten Abgesang auf das gedruckte Buch anzustimmen. Oldenburgs Buchhändler sehen das Thema differenzierter.
Leichter als Bücher
Ulrich Bosselmann, kaufmännischer Leiter bei Bültmann&Gerriets, sieht die Anwendungsgebiete des Geräts zurzeit noch begrenzt: „Wenn jemand auf Weltreise geht, ist es sicher leichter, das Lesegerät mit gespeicherten Büchern mitzunehmen als einen Rucksack voller Bücher.“ Wie sich der Markt entwickeln werde, sei noch nicht abzusehen: „Das wird man in zehn bis 15 Jahren wissen.“ Dass der Handel mit digitalisierten Büchern von großen Dienstleistern abgewickelt werde (und damit am Buchhandel vorbei), müsse ja nicht ewig so bleiben: „Ich könnte mir vorstellen, dass es in Zukunft Downloadstationen in Buchhandlungen geben kann.“ Dann könnten Kunden wie gewohnt in „realen“ Büchern stöbern, den Kauf aber digital abwickeln.
Zunächst für Sachliteratur
Gunda Onken glaubt, dass sich das digitale Buch neben dem gedruckten etabliert, es aber nicht ersetzt. Die Geschäftsführerin der Buchhandlung Thye am Schlossplatz erwartet, dass sich hauptsächlich Leser für die neue Technik entscheiden, die sich beruflich mit Sachliteratur auseinandersetzen. Was sich im Belletristikbereich entwickle, sei offen: „Der Buchhandel ist gespannt.“
Unerwartete Folgen
Jörg Barfknecht, Inhaber von Buch Brader, verweist darauf, dass eine technische Neuerung oft unerwartete Folgen nach sich zieht. Als Beispiel nennt er das Verfahren „Book on demands“. Verleger, die Rechte an Büchern nicht verlieren wollten, hoben das Verfahren aus der Taufe, um das Buch vorrätig zu halten, die Nachfrage aber per Einzelexemplar aus dem Digitaldruck befriedigen zu können. „Das ist gescheitert“, sagt Barfknecht – „aber Autoren und kleine Verlage haben daraus ein Modell gemacht, Bücher in Kleinstauflagen zu veröffentlichen.“ Barfknecht vermutet zudem eine Kollision der Werte; während Deutsche beim Buch Beständigkeit erwarten („da wird gefragt, ob das Papier 80 Jahre hält“), sei die elektronische Welt sehr schnelllebig. Wenn Lesegeräte erlaubten, farbige Bilder abzubilden, müssten Dateien umformatiert werden. Das bedeute Mehraufwand nicht nur für die Verlage, sondern auch eine Entwertung der teuren Geräte. Ein weiteres Problem könnte das Knacken der Verbreitungswege
durch Hacker sein: „Wenn mit diesem Vertriebsweg kein Geld erlöst wird, fehlen Verlagen die Mittel für Weiterentwicklung.“ Zudem stelle sich die Frage, was passiere, wenn die Dateien durch einen Crash nicht mehr lesbar seien.
Auch für Ältere
Angelika Fiedler, Filialleiterin bei Thalia, betont, dass der neue „Reader“ Downloads aus mehreren Quellen erlaube. „Thalia kann profitieren, wenn wir Dateien auf unserer Internetseite anbieten“, sagt sie. Zudem erwarte sie, dass – wie beim Hörbuch – neue Kundenkreise im Buchhandel erscheinen. Sie glaubt, dass der „Reader“ nicht nur für junge Leute eine Alternative sein kann: „Bei uns beklagen sich oft ältere Kunden, dass Bücher zu schwer sind, um sie im Bett zu lesen. Da ist das digitale Buch eine Erleichterung.“
