OLDENBURG - Gustav Mahler müsste ihr perfekt liegen. Wer Johannes Brahms so überzeugend natürlich, Paul Hindemith so raffiniert und Joseph Haydn so gefühlsernst singt wie Ruth Ziesak, müsste Mahlers Vielschichtigkeit und Doppelbödigkeit besonders viel abgewinnen. Aber die Sopranistin hat im 3. Meisterkonzert des Kunstvereins im ehemaligen Landtag eben erst einmal die drei anderen auf dem Programm.

Die fünf englischen Lieder von Haydn sind geschickt gewählt. Ruth Ziesaks Stimme nimmt mit ihrem hellen Timbre, ihrer Jugendlichkeit, ihrer Leichtigkeit in der Höhe sofort für sich ein. Diese späten Lieder fordern mehr als konventionelle Unterhaltungskunst. Haydn ist im Alter vertraut mit dunklen und unheimlichen Stimmungen. Und die Sängerin trifft eben diesen Ton überzeugend.

Das gilt auch für die kurzen Lieder der Ophelia aus „Hamlet“, sechs ausgewählte Lieder vorwiegend opp. 85 und 95 und den unbekannteren Regenliedzyklus von Brahms. Sie wollen möglichst aufwandlos gesungen sein, nicht mit Aktionismus inszeniert werden, verlangen mehr Stimmungsausdruck als Textgenauigkeit. Diese Melodielinien zeichnet Ruth Ziesak wundervoll nach. Ihr Sopran variiert mit federleichter Ansprache in allen dynamischen Schattierungen bis kurz vor einem schrillen Forte, wenngleich er in der tiefen Lage fülliger sein könnte.

Gerold Huber ist ihr nicht nur hier ein Klavierbegleiter, der sich ebenso unauffällig zurücknehmen wie eindringlich gestalten kann. Er kommentiert das Geschehen gestisch, unterstreicht bei Haydn sogar intensiv. Bei Brahms legt er Schichten frei, die den trockenen, subtilen Humor des Komponisten erkennen lassen. Huber spielt nachdrücklich, aber nie aufdringlich.

Hindemith tollt in seinen acht Liedchen op. 18 mit neu entdeckten Klängen herum, mit Quintakkorden, mit Septimenparallelen. Da gibt Ruth Ziesak etwas vom Geheimnis ihrer Kunst jenseits aller technischen Fertigkeit preis. Sie erfasst den Charakter, vertieft sich in ihn – und kurz bevor sie sich in ihm verliert, balanciert sie jede Gefahr aus und bringt die Sache beherrscht und überlegen zu Ende.

Ja, es gibt tatsächlich noch Mahler! Zwei Zugaben nimmt die Sängerin aus „des Knaben Wunderhorn“. Die Erwartungen sind hoch. Sie erfüllen sich vollkommen. Gern würde man Ruth Ziesak mit mehr Mahler in Oldenburg hören.