Oldenburg - Die Gruppe Prisma, Spezialisten für Alte Musik, stellten unter Ciceros Leitmotiv „Ventis secundis – Mit günstigen Winden“ in der vom Oldenburger Kunstverein organisierten Reihe von Meisterkonzerten am Freitagabend im Alten Landtag ihr aktuelles, gerade auch auf CD erschienenes Programm unter dem Titel „Jahreszeiten“ vor. Wie schaffen es vier junge Instrumentalisten, richtig alte Musik aus der Zeit des Frühbarock, also der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, für ein gemischtes Publikum, zu dem erfreulicherweise auch viele Schülerinnen und Schüler gehörten, attraktiv für ein heutiges Auditorium zu gestalten, das doch an eine ganz andere Musik gewöhnt ist?
Um es gleich vorwegzunehmen: Das Konzert und der immer wieder aufbrandende Applaus ließen keinen Zweifel daran: Auch eine vierhundert Jahre alte Musik vermag den Hörer von heute zu packen, wenn die Verpackung stimmt!
„Prisma“, das sind der Lautenist Alon Sariel, Franciska Anna Hajdu an der Barockgeige, der ebenfalls aus Ungarn stammende Dávid Budai an der Viola da Gamba, die solistisch zu hören war, als gleichberechtigtes Ensembleinstrument und als Begleitinstrument, dem barocktypischen Basso continuo. Die Flötistin Elisabeth Champollion benutzte mehrere verschiedene Blockflöten, die, je nach Komposition, am sprechendsten waren und sogar Vogel- und andere Tierlaute virtuos nachzuahmen vermochten.
Vier Kenner und Könner an ihren sehr unterschiedlich klingenden Instrumenten: das mag zwar eine gute Ausgangslage für ein schönes Konzert sein, würde aber, allein für sich genommen, nicht ausreichen, so alter Musik vitales Leben einzuhauchen.
Die Gruppe Prisma versteht den Notentext der italienischen Komponisten des Frühbarock wie etwa Tarquinio Merula und Francesco Turini als ein musikalisches Drehbuch und entlockt den Instrumenten Geschichten, die spannend, beschwingt und explosiv erzählt werden, dabei immer historisch genau und stets auf hohem solistischen Niveau.
Im Konzert ging es um die vier mythologischen Winde Zephir, Notos, Euros und Boreas als sinnbildliche Vertreter der vier Jahreszeiten. Jede Jahreszeit wurde mit einem deklamierten Gedicht eingeführt (Rilke, Hebbel, auch Mörikes unvergängliches „Frühling lässt sein blaues Band ...“), dem je ein Präludium auf einem der vier Instrumente als in die Stimmung einführendes Solo folgte, danach erklangen dann zwei oder drei alte Kompositionen für alle vier Instrumente in rassigen und vitalen Darbietungen.
Beschlossen wurde die jeweilige Jahreszeit mit einem typischen Tanz: der Frühling mit einer Ciaconna, der Herbst aber mit einer mitreißenden, in die Beine gehenden Tarantella, die ganz besonders starken Applaus einheimste.
Nicht die frühbarocke Musik allein mit ihren doch ziemlich einheitlichen Mustern, die auch zu Ermüdungserscheinungen hätten führen können, sondern die dem Ensemble ganz eigene Frische, der sich übertragende Enthusiasmus, die markanten Rhythmisierungen und die durchgehende Verlebendigung des Geschehens machten den Zauber und den Reiz dieses Programms aus.
