OLDENBURG - Die als Kunstwerk des Monats März gezeigte Skulptur aus grün patinierter Bronze aus dem Jahr 1978 mit dem Titel „Nagelkopf“ ist ein exemplarischer Beleg für die Auseinandersetzung Rainer Kriesters mit menschlicher Gewalt, welches als das zentrale Thema seines künstlerischen Schaffens angesehen werden kann.

Die 1980 in Hannover bei der Galerie Holtmann erworbene Skulptur misst 17,5 x 9 x 14 Zentimeter und hat heute ihren Platz im Prinzenpalais des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg.

Bei Kriesters Skulptur handelt es sich um einen schmalen Kopf, dessen Gesichtsfläche in einer scharfen, spitz zulaufenden Kante mündet, welche den Nasenrücken bildet. Die Augen und die Nase sind von einem Visier verdeckt und bleiben so dem Betrachter verborgen. Der Mensch, dessen Gesicht sich hinter diesem Visier verbirgt, findet keinen Schutz, ist den Aggressionen seiner Außenwelt ausgeliefert. Gleichzeitig befindet er sich in totaler Isolation und kann den Missetätern aufgrund seiner Blindheit nicht entgegentreten. Die naturalistisch dargestellten Ohren sind überdimensional groß für den im Verhältnis dazu kleinen, ja fast zierlich wirkenden Kopf. Sie lassen den Nagelkopf mit seiner Umwelt in Kontakt treten. Er kann horchen, verstehen, sich jedoch nur verbal gegen die Verletzungen, die ihm zugefügt werden, zur Wehr setzen. Der Mund der Skulptur ist weit geöffnet und stößt einen klagenden Schrei aus. Dargestellt ist ein Mensch, der auf der einen Seite Gewalt von Außenstehenden erleiden muss, auf der anderen Seite sich aber tapfer zu wehren versucht.

Kriester selbst war einst Opfer menschlicher Gewalt geworden. Der aus der ehemaligen DDR stammende Künstler wurde 1935 in Plauen geboren und begann im Jahre 1957 mit dem Medizinstudium in Leipzig. Noch im selben Jahr kam er wegen Staatsverleumdung in Haft, siedelte 1958 schließlich nach West-Berlin über. Mit dem Wechsel in den Westen wechselte er zeitgleich von der Medizin zur Malerei und begann 1961 mit dem Kunststudium an der Hochschule der Künste in Berlin. Ab 1970 begann er sich der Bildhauerei zuzuwenden und Plastiken zu schaffen. Nach zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in mehreren Teilen Europas starb Kriester 2002 im Alter von 67 Jahren.

Kriesters Nagelkopf ist eines von vielen Zeugnissen seiner Faszination für die menschliche Anatomie. Seine metaphorische Bedeutung ist deutlich formuliert: „Ein Nagelkopf erhebt Anklage“, schrieb Doris Weiler-Streichsbier. stellvertretende Leiterin des Landesmuseums, im Jahr 2000. Das Kunstwerk erhebt Anklage stellvertretend für all diejenigen, die von gewalttätigen Übergriffen betroffen sind oder waren, so wie einst Kriester selbst. Der Nagelkopf kann Gewalt gewiss nicht verhindern – er kann aber Betroffenheit beim Betrachter auslösen.