OLDENBURG - Von der Seite sieht Helen Schneider (55) ein wenig wie Mick Jagger aus – der große Mund, die blitzenden Zähne, die stechenden Augen, die Mimik. Übt sich Frau Schneider in Posen einer extrovertierten Rockmusikerin, werden die Ähnlichkeiten sogar noch offenkundiger. Lasziv schwingt sie die Hüfte, greift sich in den Schritt und gestikuliert wild mit den Armen. Mehr als 25 Jahre ist es her, dass die Amerikanerin sich tatsächlich aufmachte, das weibliche Pendant zum Chef der Rolling Stones zu werden. „Rock’n’Roll Gypsy“ hieß ihr großer Hit. Damals war ihre Mähne wild und die Kleidung eng. Dass sich diese Frau kaum sechs Jahre später zu einer der besten Musical-Sängerinnen entwickeln würde, ahnte niemand.
Unter dem Motto „A Voice and a Piano“ trat sie jetzt in der Oldenburger Kulturetage auf und zog ein Resümee ihrer Karriere. Nur von ihrem Pianisten Bruce Coyle begleitet, erzählte sie von vergangenen Zeiten. Von verrauchten Clubs und miesen Gagen, vom vergeblichen Versuch der Rockergruppe „Hell’s Angels“ und der Mafia, sie als ihr persönliches Eigentum zu nutzen. Und von Alfred Biolek, der sie Anfang der 80er in seine TV-Show holte und berühmt machte. Es folgten Tourneen durch ganz Deutschland sowie der unvergessene Auftritt im Palast der Republik in Ostberlin, kurz bevor die Mauer fiel. Dann entdeckte Helen Schneider ihre Liebe fürs Musical und bekam die Rolle der Sally Bowles in „Cabaret“. Es folgte eine grundlegende stilistische Kurskorrektur.
Deswegen erlebte das Oldenburger Publikum auch keine Rockshow, sondern ein ruhiges Konzert mit noch unbekannten Songs von Schneiders aktueller CD „Like A Woman“, aber auch mit Musical-Klassikern wie „Wein‘ nicht um mich, Argentinien“ aus „Evita“. Helen Schneiders Repertoire reichte von Jazz und Chanson bis zur Popballade, gleichwohl schimmerte ihr Faible für den jüdischen Komponisten Kurt Weill durch, der sie wie kaum ein anderer Musiker inspiriert hat. Weill und Bertolt Brecht, dazu Andrew Lloyd Webber und Leonard Bernstein – aus den stürmischen Rocker-Tagen blieb nur noch die gelegentliche Mick-Jagger-Gestik.
