OLDENBURG - Ach ja, die Preise. Michael Brammann greift nach der hellbraunen Einkaufstasche, die er vorhin auf einen Klappstuhl gestellt hat. „Klong“ macht es, in der Tasche purzelt etwas durcheinander, Brammann langt hinein und zwängt erst einen goldenen Trichter durch den Reißverschluss und dann einen zweiten. „Das sind sie“, sagt er und wuchtet zwei pfundschwere Grammophon-Nachbildungen auf den Tisch – die Grammys, die begehrtesten Musikpreise der Welt.

Michael Brammann, 61 Jahre alt, ist vermutlich der einzige Grammy-Gewinner im Oldenburger Land. Er trägt Jeans und Fleecepulli, als kleine Extravaganz gönnt er sich lediglich einen winzigen Stecker im linken Ohr. Neulich wurde er zum dritten Mal für einen Grammy Award nominiert und zur Gala nach Amerika eingeladen, aber wenn man ihn fragt, wie es denn dort so sei im Staples Center von Los Angeles mit Placido Domingo und den anderen Berühmtheiten, dann lächelt er nur listig. „Keine Ahnung“, sagt er, „meine Grammys lasse ich mir immer per Post schicken.“

Im Rampenlicht kennt sich dieser Grammy-Gewinner nicht so gut aus. Brammann steht am liebsten weit weg von den Stars, mindestens außer Hörweite. Dann kann er das tun, was er am besten kann: Über seine Mikrofone und Hallgeräte zeichnet er in einem akustisch abgeschotteten Regieraum die Musik der Stars so auf, dass sie hinterher auf CD klingt, als wären da nie Mikrofone und Hallgeräte im Spiel gewesen. Denn Brammann ist Tonmeister – oder, wie er gern scherzt, wenn jemand nach seinem Job fragt: „Ich bin der ohne Instrument.“

Brammann sitzt im Tonstudio der Fachhochschule an der Oldenburger Zeughausstraße, vor ihm stehen ein Yamaha-Mischpult und ein Computer, auf dem er das Musikprogramm „Pro Tools“ installiert hat. Seit 2003 hat er hier einen Lehrauftrag im Studiengang Hörtechnik und Audiologie, mit den Studenten macht er seither Studio-Projekte: Einmal haben sie ein akustisches Stadtbild von Oldenburg gezeichnet mit Geräuschen aus dem Bahnhof, dem Staatstheater und von den EWE-Baskets; ein anderes Mal haben sie billige und teure Geigen aufgenommen, um herauszufinden, welche am besten klingt. In diesem Semester vertonen sie Shakespeares „Sommernachtstraum“.

Brammann klickt mit der Computernmaus einige der bunten Tonspuren auf dem Bildschirm an und schiebt sie hin und her. Das kann sehr praktisch sein: Vor Jahren hat Brammann ein Konzert des türkischen Popstars Tarkan in einem Fußballstadion aufgezeichnet, ganz hinten vom Lichtturm aus. „Die Aufnahmen waren nicht zu gebrauchen“, sagt er, „wegen der Zeitverzögerung.“ Mit „Pro Tools“ dagegen sei so etwas kein Problem mehr: Man klickt die verzögerten Tonspuren an, verschiebt sie um zwei Sekunden nach vorn – und schon klingt’s wieder.

Früher, als Musik noch nicht auf Computerfestplatte, sondern auf Tonbändern aufgezeichnet wurde, musste man in so einem Fall schneiden, kleben, tüfteln. Brammann kennt das, 31 Jahre lang war er als Tonmeister bei der Plattenfirma Teldec angestellt. Mit Star-Dirigent Nikolaus Harnoncourt hat er sämtliche Bach-Werke aufgenommen, 160 CDs waren das, und auch die neun Beethoven-Sinfonien. Dafür gab es damals einen Grammophone-Award, Beatles-Produzent George Martin hat dem jungen Brammann die Hand geschüttelt. „Die habe ich hinterher drei Wochen nicht gewaschen“, sagt der Oldenburger.

Er kann viele solcher Geschichten erzählen, berühmte Namen wie Cecilia Bartoli und Daniel Barenboim kommen darin vor. Aber er erzählt auch Geschichten, in denen das Oldenburgische Staatsorchester vorkommt oder die Vareler Bläserphilharmonie Senza Replica – denn auch die hat er auf CD gebracht, mit seinem mobilen Tonstudio, das in Oldenburg lagert.

Er lächelt, und das ist jetzt die Gelegenheit, ihm endlich eine etwas freche Frage zu stellen: Ist es nicht eigentlich sein Job, gar nichts zu tun? Der Dirigent dirigiert, das Orchester spielt – und der Tonmeister nimmt die Musik auf, original und unverfälscht? „Nein!“, widerspricht Brammann heftig: „Meine Aufgabe ist es, ein akustisches Ereignis in eine andere Umgebung zu transferieren.“ Zu Hause vor der Stereoanlage klinge es eben nicht wie im Konzertsaal, und sein Job sei es, das Hörerlebnis nachzuempfinden. Mit dem richtigen Hall, den richtigen Mikrofonen, der Betonung der Oboe an der richtigen Stelle.

Er überlegt kurz. „So ein Aufnahmegerät ist wie eine Einkaufstasche“, sagt er dann, „der ist es egal, was man hineinlegt.“ Der Job des Tonmeisters sei es, im Einkaufsregal die besten Zutaten auszusuchen.

Und manchmal liegen dann am Ende sogar Grammys in der hellbraunen Einkaufstasche.