OLDENBURG - OLDENBURG/BEH - Seit über 440 Jahren vermag das Psalmengesangbuch der Genfer Gemeinde Johannes Calvins (1509–1564) viele Menschen zu berühren. Die Attraktion der Texte und Melodien endete keineswegs an den Konfessionsgrenzen. Bei Lutheranern und Katholiken fanden die „Pseaumes Mis En Rime Françoise“ (1562) ein positives Echo. Die Wirkung blieb nicht auf die Schweiz und Frankreich begrenzt.
Das Gesangbuch der Flüchtlingsgemeinde, die Calvin leitete, steht am Anfang der Neuübersetzung aller 150 Psalmen durch Clément Marot und Théodore de Bèze. Entscheidenden Anteil an der Verbreitung hatten die Melodien von Guillaume Franc, Loys Bourgeois und Pierre Davantès sowie die Sätze von Claude Goudimel.
Wenige Jahre nach der Erstausgabe setzte in Europa eine schnelle Verbreitung ein. Am Beginn der deutschen Rezeption stehen Übersetzungen von u. a. Ambrosius Lobwasser. Von Lobwassers „Psalter“ (1573) erschienen allein im 16. Jahrhundert 40 Ausgaben. Er betrachtete sein Werk als Fortsetzung der Arbeit Luthers. Durch Verzicht auf Mehrstimmigkeit im zweiten Druck wurde der Einsatz im calvinistischen Gottesdienst ermöglicht.
Das brachte Lobwasser Ruhm, aber auch den Vorwurf der „Calvinistischen Schriftverfälschung“. Im 17. Jahrhundert nahm die Kritik zu. Martin Opitz wollte den antiquierten Lobwasser stilistisch glätten und modernisieren. Dennoch vermochten Opitz’ bahnbrechende „Psalmen“ Davids (1637) sich nicht durchzusetzen.
Auch in den Niederlanden wurde der Genfer Psalter intensiv benutzt. Jan Utenhove, Kirchenältester der niederländischen Flüchtlingsgemeinde in Emden, schuf ambitionierte Psalmen, die jedoch den schlichten Versen Pieter Datheens den Vortritt lassen mussten. Erst 1773 wurde der Datheensche „Psalter“ (1566) offiziell ersetzt.
Die Einführung der Melodien war zunächst gewöhnungsbedürftig. Vorsänger gaben Tonhöhe, Tempo und Rhythmus an, die Gemeinde musste erst hören, dann langsam nachsingen. Organisten und Glockenspieler wurden beauftragt, die Melodien vor und nach dem Gottesdienst zu spielen.
Aber durch den Gebrauch im Gottesdienst, durch die Nutzung als Haus- und Schulbuch sowie als Gebets- oder Gesellschaftslieder wurde das Liedbuch zum kulturellen Gemeingut. So konnten die „Genfer Psalmen“ mehrere Jahrhunderte hindurch den Lebensweg von ungezählten Menschen begleiteten.
Am Dienstag, den 21. Juni, findet ab 19.30 Uhr in der St. Lamberti-Kirche in Oldenburg ein besonderes Konzert statt: „Nu singt ein newes Lied dem Herren“. Das Konzert (Eintritt: 8 Euro) führt durch die abwechslungsreiche Geschichte des „Genfer Psalters“ in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden. Mitwirkende sind u. a. Chor Capella St. Lamberti, Tobias Götting, Ralph Hennings sowie Eckhard Grunewald und Hans Beelen.
